Tonaufnahmen
Das Deutsche Rundfunkarchiv gehört mit seinen Audiobeständen neben
dem Institut National de l´Audiovisuel in Paris und
der National Library in London zu den größten Phonotheken
Europas. Seit der Gründung 1952
sammelt, archiviert, dokumentiert und restauriert das DRA im Auftrag der
ARD historische Tonaufnahmen aus allen Epochen, Entstehungszusammenhängen
und Genres und übernimmt zudem historische Bestände der Rundfunkanstalten.
Der Sammlungsbestand des DRA reicht heute zurück bis in die Anfänge
der Tonaufzeichnung Ende des 19. Jahrhunderts. Zu den ältesten Aufnahmen
gehört ein Originalton des Erfinders des Phonographen, Thomas
A. Edison - ein gesprochener Brief aus dem Jahr 1888. Ein anderes
frühes Beispiel ist der Aufruf von Kaiser
Wilhelm II. an sein Volk aus dem Jahre 1904 aus der Sammlung Wilhelm
Doegen.
Der Schwerpunkt der historischen Bestände reicht von den Anfängen
bis zum Ende der Schellackzeit Ende der 50er Jahre. Der Auftrag des DRA, wichtige
Tondokumente für die Zukunft zu bewahren und sie der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen, gilt jedoch für alle Aufnahmen bis in die
jüngste Gegenwart. Neben Musikaufnahmen aller Art ist eine Vielzahl von
politischen und wissenschaftlichen Ansprachen, Rezitationen, Lesungen und
Kleinkunstaufnahmen im Bestand enthalten. Das Audio-Archiv wird systematisch
ergänzt durch Nachlässe, Schenkungen und Deposita, in Einzelfällen
auch durch gezielten Ankauf von Tonträgern und Sammlungen.
Einer der wichtigsten Teilbestände des Audio-Archivs sind Aufnahmen
der deutschen Sendegesellschaften bzw. der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG).
Da nach Aufnahme des Sendebetriebs am 29.10.1923 zunächst nur live
gesendet wurde, sind erste rundfunkeigene Aufnahmen erst ab 1929 erhalten,
als der Rundfunk begann seine Eigenproduktionen aufzuzeichnen. Die frühesten
erhaltenen Wort-Aufnahmen der RRG sind die Grundsteinlegung des "Hauses
des Rundfunks" in der Berliner Masurenallee am 29.5.1929 und die Trauerfeier
im Berliner Reichstag für den verstorbenen Reichsaußenminister
Gustav Stresemann am 6.10.1929. Erste erhaltene Musikaufnahmen der damaligen
Sendegesellschaften
datieren auf das Jahr 1930. Es sind Aufnahmen renommierter zeitgenössischer
Komponisten, für die das neue Medium Radio eine ideale Plattform für
musikalische Experimente darstellte. Außerdem konnten sie ihre Werke
durch die sendereigenen Orchester ur- und erstaufführen lassen.
Das tägliche Radioprogramm wurde auch damals schon zu einem guten Teil
mit der Wiedergabe von Industrieschallplatten bestritten. Über die erhalten
gebliebenen Eigenproduktionen der RRG (bis Mai 1945) hinaus umfasst das Audio-Archiv
deshalb Industrieaufnahmen aus allen Bereichen bis in die Gegenwart. Derzeit
sind ca. 130.000 Schellackplatten (überwiegend Industrieaufnahmen), ca.
250.000 Vinyl-Platten und ca. 200.000 CDs im Bestand. Schenkungen und Ankäufe
sowie die unentgeltliche Bemusterung der "Zentralen Schallplattenkatalogisierung"
(ZSK)
im DRA durch die phonographische Industrie sorgen für laufende Zuwächse,
insbesondere im Bereich Unterhaltungsmusik.
Neben dem Audioarchiv verfügt das DRA damit über eine bedeutende
Sammlung von Originaltonträgern. Sie umfasst außer den großen
Schellack- und Vinylplattenbeständen auch Wachs-, Decelith- und Gelatine-Platten,
Edison-Walzen, Stillesche Drähte, Tefifon-Bänder u.a.m. Zum größten
Teil sind im DRA auch die dazu gehörenden historischen Abspielgeräte
vorhanden und bespielbar. Kombiniert mit modernsten tontechnischen Geräten
und Verfahren können historische Aufnahmen so umgeschnitten und gesichert
werden. Das DRA geht hier vielfach Kooperationen ein und unterstützt
Institute aus Kultur, Wissenschaft und Forschung wie auch Privatpersonen bei
der Aufarbeitung, Restaurierung und Digitalisierung ihrer Audiobestände.
Als Gegenleistung erhält das DRA häufig wichtige Tondokumente, die
nach Abschluss der Digitalisierungsprojekte für Sendezwecke und/oder
wissenschaftliche Auswertungen im DRA zur Verfügung stehen.
Beispiele für Zugänge aus derartigen Kooperationen waren zuletzt:
- Aufnahmen der Ferienkurse für Neue Musik aus den Jahren 1948 bis 1978 aus dem
Bestand des Internationalen Musikinstituts Darmstadt,
- Aufnahmen der Liederfestivals auf der Burg Waldeck 1964-1969 durch die
Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e. V.,
- Aufnahmen vom Frankfurter Auschwitz-Prozess aus dem Hessischen Hauptstaatsarchiv
Wiesbaden.
Des weiteren bewahrt das Audio-Archiv Tonträgernachlässe und Schenkungen aus
größeren Sammlungen, wie z.B. von Hermann Scherchen, Clemens Krauss, Ekkehard
Saß, Reinhard Schwarz-Schilling und Thomas Mann. Auch einzelne Aufnahmen aus
Privatbesitz aus der Zeit vom Ende des 19. Jahrhundert bis zum Ende des 2.
Weltkriegs sind wichtige zeithistorische Dokumente und im DRA vorhanden und
verfügbar.
Um dieses Kulturerbe auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich
zu machen, veröffentlicht die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv in Zusammenarbeit
mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin u.a. die CD-Reihe Stimmen
des 20. Jahrhunderts.