Dokument des Monats Januar 1999
Verschollene und unbekannte Rundfunkwerke Ernst Kreneks aus den 20er
Jahren im DRA Frankfurt

Ausschnitt aus dem Musikmanuskript von Ernst Krenek zum Weihnachtsspiel
"Das Gottes Kind" (1925)
Es ist schon erstaunlich, wie viele graue bis schwarze Flecken die
Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts noch aufzuweisen hat. So tauchten
bei Quellenforschungen zum Weimarer Rundfunkprogramm Jahre bislang verschollen
geglaubte und unbekannte Werke, die der Komponist Ernst Krenek 1925/26
für das Studio Kassel des Frankfurter Senders schrieb, im Nachlaß
des ehemaligen Hörfunkmitarbeiters Karl Block auf.
Ernst Krenek (1900-1991), bekannt geworden durch seine Zeitoper "Johnny
spielt auf", gilt als überaus vielseitiger Komponist. Sein Kompositionsstil
hat erstaunliche Wandlungen durchlaufen. Schon als Schüler des seinerzeit
erfolgreichen Opernkomponisten Franz Schreker stilistisch unabhängig, erkundete
er nach dem Grauen des Ersten Weltkrieges die Grenzen tonaler Komposition,
bevor er sich neoklassizistischer, ja romantischer Gestaltung zuwandte. Diese
Kehrtwende, die ihm vielfach als inkonsequenter Rückfall angekreidet worden
ist, deckt sich mit einer äußerlichen Veränderung.
Zunächst "widerwillig", wie er in seiner "Selbstdarstellung" schreibt, bezog
Krenek im Herbst 1925 den Posten des Assistenten von Paul Bekker am Kasseler
Opernhaus. Das aktive Theaterleben und seine Wirkungsmöglichkeiten nahmen
ihn sofort gefangen, er schrieb "große Mengen von Bühnenmusik für eine große
Menge von Theaterstücken jeglicher Art". Gerade in diese Zeit der Hinwendung
zum Publikum und zur Gebrauchsmusik fällt auch der erste Kontakt mit dem jungen
Rundfunk.
Noch im gleichen Jahr trat Krenek als vielfältig Mitwirkender im Programm
des Kasseler Zwischensenders der Frankfurter Sendegesellschaft auf, wo er
mit dem Spielleiter Karl Block unter anderem Weihnachts-, Passions- und Osterspiele
mit Musik realisierte. Die Früchte dieser Zusammenarbeit lagen Block offenbar
so sehr am Herzen, daß er sie 1930-31 in Danzig, seinem damaligen Wirkungsort,
wieder in das Programm aufnahm.
Karl Block war ein passionierter Sammler. Vorwiegend literarisch interessiert
und ausgebildet, produzierte und sammelte er Sende- und Hörspiele, daneben
auch zusammengestellte Wort-Musik-Sendungen. Schon in den ersten Jahren des
Rundfunks wurden Bühnenstücke wie Hörspiele gerne durch Musik bereichert,
und in dieser Hinsicht bedeutete die Zusammenarbeit mit Krenek für Block einen
Höhepunkt.
In seinem Nachlaß fand sich ein Stapel mit Notenmanuskripten, die unter
anderem in handgeschriebenen Partituren und Einzelstimmen die Musikbeiträge
Kreneks zu diesen Sendespielen festhalten. Sie ermöglichten gemeinsam mit
den überlieferten Textheften die Rekonstruktion der Kasseler und Danziger
Sendungen von 1925-26 und 1930-31.
Bild:
Ausschnitt aus dem Sendemanuskript zum Weihnachtsspiel
"Das Gottes Kind" mit Verweis auf Kreneks Musikeinlage Nr. 7 (Notenbeispiel
oben)
Es steht zu vermuten, daß Block den am Heiligabend 1925 für Kassel vorgesehenen
Sendeplatz des Frankfurter Programms mit dem Weihnachtsspiel "Das Gottes Kind"
von Emil Alfred Herrmann ausfüllte. Für die Zwischenmusiken konnte er Ernst
Krenek gewinnen, der das Werk - als letztes des Jahres 1925 - unter op. 42
in sein Werkverzeichnis aufnahm. Zum folgenden Osterfest griff Block wieder
auf Krenek zurück. Er stellte eine zweiteilige Sendefolge "Passion und Auferstehung"
zusammen, deren erste Sendung am Karfreitag, dem 2.4.1926, unter dem Titel
"Passionen" ausgestrahlt wurde.
Die Textbücher hierzu sind überliefert, während die vollständige Musik aus
Manuskripten ergänzt werden kann, die vermutlich aus der Danziger Wiederholung
von 1931 stammen. Ostermontag folgte "Das altdeutsche Osterspiel" mit einem
von Ernst Leopold Stahl bearbeiteten Text und Musik von Krenek. Hier liegen
sowohl die Texte als auch die Musikbeiträge in wahrscheinlich aus Kassel mitgeführten
Manuskripten vor.
Die Musik, die Krenek zu den Weihnachts-, Passions- und Osterspielen schrieb,
ist auf ihre Weise ein geradezu postmodernes Kaleidoskop von Zeiten und Ausdrucksstilen.
Die kurzen instrumentalen Einlagen, die Begleitmusiken zu melodramatischen
Rezitationen und die Chöre knüpfen ungeniert an altniederländischen Vokalstil,
an naives volkstümliches Musizieren in Terzen oder an traditionellen Choralsatz
an, scheuen aber auch nicht vor plakativen Bühneneffekten und neoklassischer
Musiksprache zurück.
Der dem Publikum zugewandte Gebrauchscharakter der Musik ist ebenso auf
den Weimarer Rundfunk zugeschnitten wie der Hang zu einem durchsichtigen Kantaten-
und Oratorienstil. Gerade das technisch bestimmte neue Medium bot sich an
für klaren, wirksamen Ausdruck und plastische Holzschnittkunst. Vielleicht
nimmt sich ja der Hörfunk, der in diesem Jahr sein 75-jähriges Jubiläum zeitgemäßen
Realisierung dieser frühen Radiomusik an.
Stand: Januar 1999