Dokument des Monats Oktober 1999
Natürliche Gesprächsführung im Radio mit Bertolt Brecht
Ein Tondokument aus dem Jahre 1955
Bild: Manuskriptseite der Sendung "Stunde der Akademie" am 20.02.1955
( Text-Ansicht)
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Hörzitat: (3'21''):
Ausschnitt aus einem Gespräch des polnischen Grafikers Prof. Tadeusz Kulisiewicz mit Bertolt
Brecht anläßlich einer Ausstellung in der Deutschen Akademie der Künste
am 20.02.1955
Am 20. Februar 1955 strahlte der DDR-Rundfunk innerhalb der Sendereihe "Stunde
der Akademie" ein Gespräch zwischen Bertolt Brecht und einem polnischen Maler,
dem Grafiker Tadeusz Kulisiewicz, aus. Diese Unterhaltung zwischen zwei Künstlern
kann als ein Beleg dafür gelten, welche Vorstellungen Brecht von Gesprächen
hatte, die im Massenmedium Hörfunk übertragen werden sollten, und wie er diese
Vorstellungen selbst umsetzte.
Bertolt Brecht hat sich seit dem Aufkommen des Rundfunks in den zwanziger
Jahren stark für die Möglichkeiten dieses neuen Massenmediums interessiert
und sich immer wieder mit inhaltlichen, gestalterischen und politischen Fragen
der medialen Wirksamkeit des Radios beschäftigt. Anfang der fünfziger Jahre
war er - nunmehr als Mitglied der Ostberliner Akademie der Künste - Initiator
der Sendereihe "Stunde der Akademie" im DDR-Rundfunk. Diese Sendung war 1955/56
im Programm des Deutschlandsenders zu hören und berichtete über die Aktivitäten
der Akademie und ihrer Mitglieder.
Redaktionell verantwortet wurde die Reihe von der Akademie selbst, viele
Aufnahmen entstanden im Tonstudio des Berliner Ensembles, des Brecht-Theaters
am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte.
Brecht nutzte die "Stunde der Akademie" auch, um seine Vorstellungen von
medienwirksamer Übermittlung künstlerischer und politischer Botschaften zu
verwirklichen. Er "legte Wert darauf, daß die Aufnahmen nicht gestellt waren
oder wirkten, also natürliche Gesprächssituationen wiedergegeben wurden",
erinnert sich die damalige Redakteurin der "Stunde der Akademie", Wera Küchenmeister.
Das im DRA Berlin erhaltene Tondokument des oben genannten Gesprächs aus dieser
Reihe hat eine besondere Brisanz, weil es zu einer Zeit gesendet wurde, in
der im zunehmend zentralistisch ausgerichteten DDR-Rundfunk viele Aufnahmen
normiert und voraufgezeichnet waren und dadurch künstlich, förmlich und steril
wirkten.
Dieses Gespräch ist ein beredtes akustisches Zeugnis dafür, daß auch anderes
im Programm zu hören war. Für die technisch versierten Rundfunkleute allerdings
muß es eine totale Katastrophe gewesen sein: Die polnischen Originalaussagen
des Grafikers Kulisiewicz wurden in voller Länge und ebenso laut wie die folgenden
Worte der Übersetzerin gesendet. Es gab keine Zurücknahme des polnischen Tons,
die Hintergrundgeräusche der in der Ausstellung mit Werken des polnischen
Künstlers gemachten Aufnahme gingen ungefiltert über den Sender. Wie bei "natürlichen
Gesprächssituationen" üblich, fielen die Gesprächspartner einander ins Wort.
Brecht mit seiner leisen Stimme warf nur einige Bemerkungen ein. Man muß schon
sehr die Ohren spitzen, um ihn zu verstehen.
Eine kuriose Begebenheit aus der Rundfunkgeschichte und ebenso eine Reminiszenz
an Brechtsche Versuche zur alternativen Gestaltung von Radiosendungen.
Stand: 26.9.1999