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Dokument des Monats April 2000

"Missbrauchte Sportbegeisterung"

Karl Eduard von Schnitzler kommentiert das "Wunder von Bern"



Manuskriptseite Karl Eduard v. Schnitzler Manuskriptseite "Missbrauchte Sportbegeisterung" von Karl Eduard v. Schnitzler, 07.07.1954
Text-Ansicht

Hörzitat: Wolfgang Hempel, Sportreporter des DDR-Rundfunks, schildert das Siegestor von Helmut Rahn, 04.07.1954 (1'22")

Karl Eduard von Schnitzler, Chefkommentator des Fernsehens der DDR und vor allem bekannt durch seine Propagandasendung "Der schwarze Kanal", war in den fünfziger Jahren Kommentator beim DDR-Hörfunk.

Im vorliegenden Dokument kommentiert er den Sieg der bundesdeutschen Fußball-Nationalmannschaft im Finale der Weltmeisterschaft 1954 gegen die hoch favorisierte ungarische Elf, der als das "Wunder von Bern" in die Annalen des Fußballs einging. Der Sieg einer Mannschaft, die an der Weltmeisterschaft vier Jahre zuvor noch gar nicht teilnehmen durfte, löste in Deutschland Euphorie, Glücksgefühle und Selbstbewusstsein aus, wie sie seit dem verlorenen Krieg und dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur nicht mehr erlebt worden waren. "Wir sind wieder wer" wurde zum Synonym für diese Stimmung.

Schnitzler greift das sportliche Ereignis auf und macht es zum Zentrum eines politischen Kommentars. Er gratuliert der Mannschaft zum Erfolg, alle Deutschen könnten sich freuen und auf die gezeigten Leistungen stolz sein. Scharfe Kritik übt er hingegen an nationalistischen und revanchistischen Äußerungen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit, die auf den Sieg und das Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes durch deutsche Fußballfans folgten. Diese seien Indiz für den Missbrauch der Begeisterung für politische Zwecke durch Regierungskreise der Bundesrepublik, deren Ziel die Vorbereitung eines neuen Krieges sei. Ebenso sei die Einladung der Mannschaft zur Wiederwahl des Bundespräsidenten Theodor Heuss ein politisches Manöver, um "fehlende echte Souveränität" massenwirksam zu demonstrieren. Um den revanchistischen und chauvinistischen Charakter der Bundesrepublik und ihrer Repräsentanten zu zeigen, war es in den Kommentaren üblich, auf deren frühere Mitgliedschaft und Funktionen in der NSDAP, der SS oder anderen nationalsozialistischen Organisationen hinzuweisen. Deshalb ist es bemerkenswert, dass Schnitzler weder die NSDAP-Zugehörigkeit des Trainers der deutschen Mannschaft, Josef Herberger, noch dessen Tätigkeit als Reichstrainer von 1937-1945 thematisiert.

In dem Beispiel instrumentalisiert der Autor seinerseits die Spieler und deren sportlichen Erfolg, indem er vermeintliche Kriegserfahrungen anspricht und in seine Argumentation gegen angeblichen Kriegsvorbereitungen und die geplante Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) einbringt.

Der Kommentar fügt sich in die politische Propaganda des DDR-Hörfunks der Zeit, die unter anderem gegen die Westbindung des zweiten deutschen Staates und die Schaffung der EVG in Westeuropa gerichtet war.

Unrecht hatte jedenfalls der britische Rundfunk mit seiner Feststellung, dass in der "Ostzone" von dem Spiel offiziell keine Kenntnis genommen worden sei. Das Tondokument ist ein Ausschnitt aus der Reportage des DDR-Hörfunks vom Finalspiel, die natürlich sehr viel unbekannter als ihr bundesdeutsches Pendant ist.

Stand: 22.3.2000

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 16.11.2006  | IMPRESSUM | nach oben