Dokument des Monats August 2002
Brecht-Nachdichtungen von Lorca-Gedichten
1955 im DDR-Rundfunk uraufgeführt

Laufplan
der Sendung "Federico García Lorca"
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Nach dem zweiten Weltkrieg setzte die weltweite Rezeption Federico García
Lorcas (1898-1936) ein. Der spanische Dichter und Dramatiker war im August
1936, zu Beginn des Spanischen Bürgerkrieges ermordet worden.
Bertolt Brecht, der ab 1948 ein eigenes Theater, das Berliner Ensemble, in
Ostberlin aufgebaut hatte, brachte dem literarischen Werk des Spaniers großes
Interesse entgegen. Inszenierungspläne für Lorca-Stücke zerschlugen
sich jedoch. So regte Brecht 1954 eine Rundfunksendung über Lorca mit
dem Berliner Ensemble an. Mitte der fünfziger Jahre hatte sich eine enge
Zusammenarbeit des Berliner Ensembles mit dem DDR-Rundfunk entwickelt. In
mehreren Sendungen des Berliner Ensembles stellte man Gedichte, Lieder und
Szenenausschnitten aus Dramen, vornehmlich von Brecht, vor. Diese Sendungen
entstanden unter Brechts Leitung, wurden von seinen jungen Mitarbeitern, vor
allem von Isot Kilian, dramaturgisch bearbeitet und im Tonstudio des Theaters
hergestellt.
Die am 7. August 1955, zum 19. Todestag von Lorca ausgestrahlte Einstundensendung
Federico García Lorca war die erste größere Sendung des
DDR-Rundfunks über den spanischen Dichter. Die Brecht-Mitarbeiter Isot
Kilian und Peter Palitzsch bereiteten die Auswahl und die Proben vor. In Abstimmung
mit Brecht wurde der Sendungsinhalt festgelegt. Den Komponisten Kurt Schwaen
regte Brecht an, Gitarrenmusik für die Sendung zu komponieren. Mitwirkende
waren unter anderem die Schauspieler Fred Düren, Ekkehard Schall, Anneliese
Reppel und Katharina Thalbach. Isot Kilian sprach die verbindenden Texte.
Hörzitat 1 (2'25''): Absage der Sendung
(Originalton): "Federico García Lorca" DDR-Rundfunk, 07.08.1955
Die Sendung enthielt Szenenausschnitte aus zwei Lorca-Dramen und sechs Gedichte
aus den verschiedenen Schaffensphasen des Dichters. Man nutzte hierfür
die ersten deutschen Gedichtveröffentlichungen, die von Enrique Beck
herausgegeben worden waren, der die einzig autorisierten Rechte an deutschsprachigen
Lorca-Übersetzungen besaß. Von Brecht wurden diese Übersetzungen
als "mäßig" empfunden. Deshalb bearbeitete er die für
die Sendung ausgewählten Gedichte, zum Teil geringfügig, zum Teil
erheblich. Ob dabei die spanischen Originaltexte hinzugezogen wurden, ist
nicht bekannt. Einige Beispiele lassen vermuten, daß er nur die deutschen
Übersetzungen nutzte, andere weisen eine größere Nähe
zum spanischen Original auf als die Beck-Übersetzungen. Die vorgenommenen
Bearbeitungen reichen von der Veränderung einzelner Wörter oder
Tempusformen bis hin zur Eliminierung religiöser Bezüge oder zu
radikalen Kürzungen.
Wegen der Rechtefragen wurde in der Sendung nicht explizit auf diese Bearbeitungen
hingewiesen, schriftliche Unterlagen darüber haben sich nicht erhalten,
so dass diese Brechtschen Nachdichtungen in der Forschung bisher unbekannt
geblieben sind. Den einzigen Nachweis liefert das im DRA Potsdam-Babelsberg
erhaltene Tondokument der Sendung.
Ein Beispiel soll hier vorgestellt werden: das in der Sendung von Annemarie
Reppel rezitierte Gedicht "Land" (vgl. Hörzitat
2), das die Kargheit der andalusischen Landschaft beschreibt. Brecht übernahm
dabei weitgehend die Formulierungen der Übersetzung von Enrique Beck.
In die Schlußpassage des Gedichtes brachte er jedoch eine gewisse inhaltliche
Abweichung von den Intentionen des spanischen Originals hinein. Lorca hatte
das Klappern eines Schöpfrades mit dem Klappern der Rosenkranzperlen
verglichen: es ist Abend, das Wasser fließt nicht mehr, das Schöpfrad
steht still. Enrique Beck war hier ein krasser Übersetzungsfehler unterlaufen
(das mütterlich' Schöpfwerk / beschließt Paternoster), den
Brecht stilistisch zu verbessern suchte. In seiner Version verkürzen
sich nun Mütter ihr Schöpfwerk mit Vaterunsergemurmel (Paternoster
verkürzen / das Schöpfwerk der Mütter).
Hörzitat
2 (0'48''): "Land"
(Originalton) - Gedicht von Federico García Lorca gelesen von Annemarie
Reppel
Ankündigung
der Sendung in der Programmzeitschrift "Unser Rundfunk", H. 32/1955
Im August 1938 stockte der spa- nischen Stadt Granada der Atem, Totenstille
lähmte eine Weile den Herzschlag ihrer Bewohner. Dann gellte ein Schrei unbändigen
Schmerzes, maßlosen Zorns, trotzender Empörung aus den Gassen über Plätze,
über Berge, durch Spanien, Europa, durch die Welt: Federico Garcia Lorca,
der Dichter unserer Lieder, der mit seiner Truppe La Barraca über die Landstraßen
Spaniens zog, den Freiheitsbrand seiner Romanzen in seines Volkes Seele entzündend,
Federico Garcia Lorca, der in seinen Dramen die Tränen seiner Heimat weinte,
das Lächeln ihrer Sieggewißheit lächelte, unser Lorca ist von den Faschisten
ermordet worden. So klagte das schwerverwundete Volk Andalusiens, Kastiliens,
Asturiens und nahm mit erbit- terter Liebe sein Andenken in die Nacht des
Franco-Terrors, der heute noch Spaniens Antlitz ver- dunkelt; aber durch Trauer
und Qual blickt nach sechzehn Jahren immer noch das helle, so unbeug- sam
strenge Auge Garcia Lorcas jenem Tage entgegen, da Spanien seine Freiheit
erkämpft.
Alle Texte der Brechtschen Nachdichtungen einschließlich der Beck-Übersetzungen
sind nachzulesen in:
Ingrid Pietrzynski, "Der Rundfunk ist die Stimme der Republik ..."
Bertolt Brecht und der Rundfunk der DDR 1949-1956, Berlin 2002
Stand: August 2002