Dokument des Monats Dezember 2002
Das Fest des Friedens mitten im Krieg
Ein "sprechender Feldpostbrief" mit Weihnachtsgrüßen aus dem
Jahre 1944
Nachdem die politischen und militärischen Dimensionen des Zweiten Weltkriegs
weitgehend erforscht sind, spielen die Gedanken, Probleme und Sorgen der Soldaten
an der Front und der einfachen Zivilbevölkerung sowohl in der Geschichtsforschung
als auch in der interessierten Öffentlichkeit eine immer größer
werdende Rolle. So gibt es im deutschen Fernsehen fast jede Woche eine Dokumentation,
in der Zeitzeugen mit ihrer Sichtweise der damaligen Ereignisse zu Worte kommen.
Große Aufmerksamkeit wird in letzter Zeit auch den Feldpostbriefen entgegengebracht,
die die Soldaten ihren Familien von der Front in die Heimat schickten.
Der Feldpostdienst wurde 1939 zu Kriegsbeginn von der Deutschen Reichspost
eingerichtet, um den privaten sowie militärischen Brief- und Paketverkehr
zwischen Heimat und Front zu gewährleisten. Die Sendungen waren bis zu
einem Gewicht von 250 Gramm portofrei. Aus Sicherheitsgründen wurde die
Anschrift der Truppen mit sogenannten Feldpostnummern verschlüsselt.
Der genaue Standort der Truppen sollte geheim bleiben. Feldpostprüfstellen
zensierten die Sendungen stichprobenhaft. Dies diente einerseits der militärischen
Abwehr, andererseits konnten sich die Befehlshaber ein Bild über die
Stimmung in der Truppe machen. Nicht zuletzt wurde die Feldpost als Propagandainstrument
benutzt. Die Beförderungszeiten wurden möglichst gering gehalten.
In einer Dienstanweisung der Reichspost aus dem Jahre 1940 heißt es:
"Die Aufrechterhaltung einer schnellen und sicheren Postverbindung zwischen
Truppe und Heimat ist eine der Voraussetzungen für die Erhaltung der
Stimmung und Schlagkraft der Truppe."
Eine besondere Form der Kommunikation zwischen Front und Heimat war der "sprechende
Feldpostbrief". Verwundete Soldaten durften eine selbstbesprochene Schallplatte
mit Grüßen und einem Musikstück nach Hause schicken. Die Aufnahmen
wurden in der Regel von Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes auf Schallfolien
aus Cellulose-Acetat, sogenannte Decelith-Folien, geschnitten. Manchmal wurden
auch Gelatineplatten verwendet. Die Platten konnten mit der jedem Brief beifügten
Spezialnadel auf jedem Plattenspieler bzw. Grammophon mit 78 Umdrehungen pro
Minute abgespielt werden. Die Schallfolien waren flexibel und konnten anders
als die starren, aber klanglich den Folien weit überlegenen Schellackplatten
während des Transports nicht zerbrechen.
Von den "sprechenden Feldpostbriefen" sind im Gegensatz zur konventionellen
Feldpost leider nur noch wenige Exemplare erhalten. Im Sommer des Jahres 2002
kam das Deutsche Rundfunkarchiv durch eine Schenkung in den Besitz des "sprechenden
Feldpostbriefs" von Heinrich Pietzsch mit Weihnachtsgrüßen
an seine Frau Mathilde aus dem Jahre 1944.
Heinrich
Pietzsch war Oberleutnant im 1. Grenadierregiment 81 15 ID und kämpfte
im Herbst 1944 an der Ostfront. Am 13. November 1944 wurde er verwundet und
kam in ein Lazarett in die Nähe von Krakau. Am 24. November wurde ihm
das Verwundetenabzeichen verliehen. Anfang Dezember 1944 hat Heinrich Pietzsch
seinen "sprechenden Feldpostbrief" aufgenommen. Das genaue Datum
läßt sich leider nicht ermitteln. Der Poststempel auf der Versandtasche
der Schallfolie trägt das Datum 11.12.44. Die Laufzeit der Post betrug
normalerweise ca. 10 Tage. Heinrich Pietzsch konnte also damit rechnen, daß
seine gesprochenen Weihnachtsgrüße mit etwas Glück rechtzeitig
zum Heiligen Abend bei seiner Familie in Hainstadt am Main sein würden.
Allerdings gab es ab Herbst 1944 gravierende Probleme bei der Zustellung der
Feldpost. Zahlreiche Postämter mußten während des militärischen
Rückzugs aufgegeben werden, etliche Verkehrswege waren zerstört,
und Treibstoff war knapp. So kam es oft zu übermäßig langen
Laufzeiten.
"Weihnachten 1944. Meine liebe Mathilde, wiederum begehen wir dieses
Fest des Friedens mitten im Kriege ...", mit diesem Paradoxon beginnt
Heinrich Pietzsch seinen "sprechenden Feldpostbrief". Die militärische
Lage war im Dezember 1944 bereits hoffnungslos. "Trotzdem oder gerade
deshalb" - wie Heinrich Pietzsch es selbst in einem kleinen Nebensatz
mit einem dezenten Hinweis auf die ernste Lage formuliert - suchte man als
Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs Trost in Erinnerungen an
bessere Zeiten und Halt in traditionellen Werten. Heinrich Pietzsch schildert
in seinem "sprechenden Feldpostbrief" plastisch Brauchtum und Familienleben
in der Weihnachtszeit und am Heiligen Abend und äußert abschließend
die Hoffnung, daß es irgendwann wieder so sein werde wie früher.
Als musikalischen Gruß wählte er eine Aufnahme des Weihnachtsliedes
"O Tannenbaum" und schuf so einen direkten Bezug zu seiner Weihnachtsansprache,
in der der Christbaum eine zentrale Rolle spielt. Bemerkenswert ist auch,
daß Heinrich Pietzsch auf eines der beliebtesten traditionellen Lieder
zurückgriff und nicht etwa auf ein nationalsozialistisch geprägtes
Weihnachtslied wie "Hohe Nacht der klaren Sterne" von Hans Baumann
aus dem Jahre 1936.
Hörzitat (5'33''): "Der
sprechende Feldpostbrief" mit Weihnachtsgrüßen von Oberleutnant
Heinrich Pietzsch an seine Frau Mathilde
Die Familie Pietzsch im Jahre 1944:
Ehefrau Mathilde Pietzsch, Tochter Gudrun, Sohn Volker und Heinrich Pietzsch
Heinrich Pietzsch: Curriculum vitae
| Datum |
Lebensabschnitt |
| 30. Oktober 1913 |
geboren in Hainstadt am Main, heute Hainburg, Kreis Offenbach |
| 1921-1923 |
Grundschule in Hainstadt |
| ab 1923 |
Schüler der Oberrealschule am Friedrichsplatz in Offenbach |
| 12. Februar 1932 |
Zeugnis der Reife |
| 1935 |
Kaufmannsgehilfenbrief |
| |
Dienstantritt bei der Deutschen Reichspost |
| 26. Oktober 1936 |
Ernennung zum Postsupernumeror (Postinspektoranwärter) |
| 19. Mai 1939 |
Hochzeit mit Mathilde Pietzsch, aus der Ehe gehen drei
Kinder hervor |
| 1942 |
Immatrikulation in der rechtswissenschaftlichen Fakultät
der Johann-Wofgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main |
| |
Einberufung zum Kriegsdienst |
| 25. Juni 1945 |
Entlassung aus dem Postdienst auf Veranlassung der Militärregierung |
| 21. April 1947 |
Wiedereinstellung in den Postdienst als Postinspektor |
| 1952-1964 |
Bezirksfachschulleiter der Deutschen Postgewerkschaft,
Bezirk Hessen |
| 1962 |
Tod von Mathilde Pietzsch |
| 31.12.1975 |
Pensionierung als Oberamtsrat |
| 10. Februar 1996 |
verstorben in Kassel |
Danksagung
Das Deutsche Rundfunkarchiv dankt Herrn Volker Pietzsch für die Überlassung
der Schallfolie und für seine freundliche Hilfe durch das Bereitstellen
von Fotos und biographischen Daten.
JW
Stand: Dezember 2002