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Dokument des Monats Oktober 2002

Die größte Orgel der Welt

Historische Aufnahmen von der Sauer-Orgel in der Jahrhunderthalle zu Breslau

Wo die "Größte Orgel der Welt" steht, darum wird heutzutage immer noch heftig gestritten. Bei diesem Streit geht es unter anderem darum, ob man die Anzahl der Pfeifen oder die Anzahl der Register als Entscheidungskriterium zugrunde legen soll oder auch die komplette Spielbarkeit aller Teilwerke. Wie dem auch sei, die landläufige Meinung, die größte Orgel der Welt sei das 1928 von der Firma Steinmeyer gebaute Instrument im Dom zu Passau, ist auf jeden Fall nicht richtig.

Schon kurz nach der Erbauung der Passauer Domorgel entstanden in den USA zwei größere Instrumente, nämlich im Wanamaker Store (1929), einem Kaufhaus in Philadelphia, und in der Convention Hall in Atlantic City (1930). In Passau mußte man sich damit begnügen, die größte Kirchenorgel der Welt für sich zu reklamieren. Auch diesen Rang hat eine US-amerikanische Orgel dem Passauer Instrument mittlerweile abgelaufen. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und in den ersten beiden Jahrzehnten danach gab es einen regelrechten Wettlauf zwischen den Orgelgiganten. Im Jahre 1913 war die Sauer-Orgel in der Jahrhunderthalle zu Breslau für kurze Zeit die größte Orgel der Welt.


Postkartenansicht der Jahrhunderthalle zu Breslau
Postkartenansicht der Jahrhunderthalle zu Breslau

 

Zeichnung: Max Berg Anläßlich des 100. Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 beschloß der Magistrat der Stadt Breslau, eine repräsentative Gedenkhalle bauen zu lassen. Der Architekt und Breslauer Stadtbaurat Max Berg wurde mit diesem Projekt beauftragt. Berg entwarf einen monumentalen Zentralbau aus Spannbeton. Mit einer Kuppelspannweite von 65 Metern und einer Höhe von 41 Metern war die Breslauer Jahrhunderthalle zum Zeitpunkt ihrer Erbauung der größte Kuppelbau der Welt. Die Bauzeit war erstaunlich kurz. Ende August 1911 wurde der erste Spatenstich getan. Ende Dezember 1912 war der Rohbau fertig. Es heißt, Max Berg habe die ersten Verschalungen für den Spannbeton persönlich entfernen müssen, weil die Arbeiter Angst gehabt hätten, daß die gewagte Konstruktion einstürzt. 1913 wurde die Jahrhunderthalle, die heute Hala Ludowa ("Volkshalle") heißt, von Kaiser Wilhelm II. und seiner Gattin eingeweiht. Die Jahrhunderthalle sollte unter anderem als repräsentativer Konzertsaal dienen. Max Berg schlug vor, das Bauwerk mit einer Orgel auszustatten, die den gigantischen Dimensionen der Halle gerecht wird.

Foto: Karl Straube Als Orgelsachverständiger konnte der renommierteste Organist seiner Zeit, Karl Straube, gewonnen werden. Er entwarf ein Instrument, das über 200 Register verfügen sollte. Im November 1912 wurde der Auftrag für den Bau der Jahrhunderthallenorgel an die Firma Wilhelm Sauer in Frankfurt an der Oder vergeben, die 1905 auch die seinerzeit größte Orgel Deutschlands im Berliner Dom gebaut hat. Die traditionsreiche Firma befand sich seit 1910 im Besitz von Paul Walcker. Er war ein Sproß der berühmten Orgelbauerfamilie Walcker aus Ludwigsburg.

Foto: Paul Walcker Walcker baute in der Rekordzeit von nur 10 Monaten ein Instrument mit 15.133 Pfeifen und 200 Registern (187 klingende Stimmen und 13 Transmissionen), verteilt auf 5 Manuale und Pedal. 31 Register hiervon waren in einer Fernorgel untergebracht, die vom 5. Manual aus spielbar war. Die Dimension der Orgel stellte Walcker vor technische Probleme. Ein rein mechanischer Weg zwischen den Tasten des Spieltischs und den Ventilen - also die mechanische Traktur, wie sie im traditionellen Orgelbau üblich war - ließ sich genauso wenig realisieren wie die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert favorisierten pneumatischen oder elektropneumatischen Verfahrensweisen. Und so entwickelte Walcker für die Jahrhunderthallenorgel die erste auf rein elektrischer Basis funktionierende Spiel- und Registertraktur. Diese "direkte, elektrische, funkenfreie Orgeltraktur" ließ er sich unter der Nummer 260579 patentieren.

Um die Möglichkeiten des Instruments optimal nutzen zu können, stellte Walcker dem Organisten zahlreiche Spielhilfen zur Verfügung: 911 Kombinationszüge, 156 Druckknöpfe zwischen den Manualen, 25 Pedaltritte, 4 Schwellertritte, ein Registerschwellhebel und eine Registerwalze. Diese Orgel der Superlative ließ sich die Stadt Breslau die damals stolze Summe von 95.000 Mark kosten.

Foto: Max Reger Die offizielle Abnahme der Orgel fand am 20. September 1913 durch Karl Straube statt. Das Instrument erfuhr euphorische Anerkennung. Straube meinte: "Die Orgel ist wirklich ganz wunderschön. Tonlich ist das Instrument im höchsten Sinne vollendet." Der Breslauer Kantor Otto Burkert schwärmte: "Welch treffliche Charakteristik und Tonschönheit in allen Stimmgattungen!" Zur Einweihung des Instruments komponierte Max Reger eigens die Introduktion, Passacaglia und Fuge e-moll, op. 127. Diese ca. 30-minütige Komposition gab dem Organisten die Gelegenheit, alle Möglichkeiten des Instruments eindrucksvoll vorzuführen.

Knapp 25 Jahre nach der Einweihung der Orgel entschloß man sich, das Instrument umzubauen und noch einmal zu vergrößern. Im Jahre 1937 erhielt die Orgel 20 weitere Register. In dieser Form bestand das Instrument bis nach dem Zweiten Weltkrieg. 1946 wurde es abgebrochen und das Material auf drei "neue" Orgeln aufgeteilt. Der größte Teil - rund 85 Register - wurde in den Breslauer Dom verbracht. Dort sind heute noch einige Stimmen aus der einst größten Orgel der Welt zu hören. Der originale Klangreichtum der Sauer-Orgel ist allerdings auf immer verloren und läßt sich nur noch auf historischen Aufnahmen aus der Zeit vor 1946 erahnen.

Zu den wenigen Tondokumenten, die es von der Sauer-Orgel in der Jahrhunderthalle zu Breslau noch gibt, zählen zwei Aufnahmen, die der Reichssender Breslau am 9. Januar 1937 mit dem Organisten Gerhard Zeggert gemacht hat. Zeggert spielte die berühmte Toccata und Fuge d-moll, BWV 565, von Johann Sebastian Bach und die Pastorale op. 59,2 von Max Reger. Von der Bach-Aufnahme hat leider nur ein Fragment - der größte Teil der Fuge - die Zeitläufte überdauert. Die erste Schellackplatte aus einem Set von insgesamt drei Platten ist im Laufe der Zeit verlorengegangen. Die Pastorale ist komplett erhalten. Beide Aufnahmen sind im Bestand des Deutschen Rundfunkarchivs in Frankfurt am Main und wurden jüngst mit den modernsten tontechnischen Methoden neu überarbeitet. Sie stehen nunmehr in optimaler Klangqualität dem Rundfunkprogramm sowie für Forschung und Lehre zur Verfügung.

Aufnahmen:

Hörzitat 1 (4'32''): Johann Sebastian Bach: Fuge d-moll, BWV 565 (Fragment)

Hörzitat 2 (3'45''): Max Reger: Pastorale F-dur, op. 59,2

Gerhard Zeggert an der Sauer-Orgel der Jahrhunderthalle zu Breslau
Aufnahme: Reichssender Breslau, 9. Januar 1937

Das Innere der Jahrhunderthalle mit der Sauer-Orgel
Das Innere der Jahrhunderthalle mit der Sauer-Orgel, Foto um das Jahr 1929
Spieltisch der Jahrhunderthallenorgel
Der Spieltisch der Jahrhunderthallenorgel,
Foto aus dem Jahre 1913


Disposition der Sauer-Orgel in der Jahrhunderthalle zu Breslau

Stand: Oktober 2002

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 28.05.2009  | IMPRESSUM | nach oben