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Dokument des Monats April 2003

Das Violinkonzert von Igor Strawinsky

Rundfunkmitschnitte der Berliner Ur- und Frankfurter Erstaufführung

Faksimile: Konzertwerbung aus der Programmzeitschrift 'Funkstunde' 16. Oktober 1931
Werbebanner auf der Titelseite der Programmzeitschrift 'Funkstunde', Nummer 42, Jahrgang 1931, 16. Oktober 1931

Die frühesten Musikaufnahmen der Reichs-Rundfunk Gesellschaft, die erhalten sind, datieren in das Jahr 1930. Bezeichnenderweise handelt es sich um Aufnahmen von Werken renommierter zeitgenössischer Komponisten wie Paul Hindemith, Kurt Weill und Alban Berg. Der Rundfunk bot ihnen ein ideales Forum, denn über den Äther ließen sich ihre Werke schnell einem breiten Publikum bekannt machen. Andererseits profitierte auch der Funk, indem er sich mit den Namen der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten schmücken konnte. Im Jahre 1931 hatte sich die Funk-Stunde AG in Berlin die Welturaufführung von Igor Strawinskys "Concerto en ré pour violon et orchestre" sichern können.

Strawinsky hatte lange gezögert, ein Violinkonzert zu schreiben, da er kein Geiger und darum mit den instrumentenspezifischen Eigenschaften und technischen Möglichkeiten der Violine als Solo-Instrument in einem repräsentativen Konzert wenig vertraut war. Doch gerade darin sah Paul Hindemith, den Strawinsky um Rat fragte, die Möglichkeit, technische Routine zu vermeiden und die altehrwürdige Gattung Violinkonzert neu zu beleben. Der Musikverleger Willy Strecker empfahl Strawinsky den polnisch-amerikanischen Geigenvirtuosen Samuel Dushkin als idealen Interpreten für das Violinkonzert. Strawinsky zeigte sich zunächst skeptisch, denn er fürchtete, in Dushkin einen effektheischenden, vom Publikumsgeschmack abhängigen, "typischen" Virtuosen zu finden. Als sich die beiden Künstler später persönlich kennenlernten, konnten diese Bedenken schnell aus dem Wege geräumt werden. Strawinsky konstatierte in seinen "Erinnerungen" ("Chroniques de ma vie") von 1936: "Dushkin ist unter seinen Berufsgenossen eine seltene Ausnahme. Ich war sehr glücklich, bei ihm außer den bedeutenden Gaben des geborenen Geigers auch eine hohe musikalische Kultur zu finden, ein feines Verständnis und eine wirklich ungewöhnliche Zurückhaltung bei der Ausübung seines Berufs." Ermutigt durch Willy Strecker, Paul Hindemith und nicht zuletzt durch Samuel Dushkin, der sich bereit erklärt hatte, den Komponisten jederzeit mit technischen Ratschlägen zur Seite zu stehen, begann Strawinsky im März 1931 die Arbeit an seinem Violinkonzert und vollendete es im September desselben Jahres.


Programmzeitschrift
Reportage in der Programmzeitschrift 'Funkstunde', Nummer 42, Jahrgang 1931, 16. Oktober 1931
Textansicht
Konzertwerbung
Konzertwerbung aus der Programmzeitschrift 'Funkstunde', Nummer 42, Jahrgang 1931, 16. Oktober 1931

Am 23. Oktober 1931 hob Igor Strawinsky sein Violinkonzert zusammen mit Samuel Dushkin und dem Berliner Funk-Orchester aus der Taufe. Das Violinkonzert wurde von der Ballettmusik zu "Apollon Musagète" und der Ballettsuite zu "Petruschka" umrahmt. Die Funk-Stunde AG warb kräftig für das Konzert. In ganzseitigen Anzeigen bot man Rundfunkhörern Eintrittskarten zum halben Preis an. In der hauseigenen Programmzeitschrift "Funkstunde" erschien anläßlich der bevorstehenden Uraufführung eine kleine Reportage, in der "Strawinsky zu Hause" vorgestellt wurde. Die komplette Konzertveranstaltung wurde ab 20.00 Uhr live aus der Berliner Philharmonie von der Funk-Stunde AG übertragen. Um 21.00 Uhr, zur Uraufführung des Violinkonzerts, schalteten sich die Schlesische Funkstunde in Breslau und der Deutschlandsender zu. Die Uraufführung war sehr erfolgreich. Strawinsky erinnerte sich: "Mein neues Werk wurde dort [in Berlin] sehr gut aufgenommen. Den gleichen Erfolg hatte es auch in verschiedenen anderen Städten - Frankfurt am Main, London, Köln, Hannover, Paris - wo Dushkin und ich es im Laufe des November und Dezember spielten." In der amerikanischen Ausgabe seiner "Erinnnerungen" fügte er allerdings zu, daß das Berliner Funk-Orchester bei der Uraufführung so schlecht gespielt habe, daß sich Paul Hindemith zu heftiger Kritik veranlaßt sah.


Foto: Samuel Dushkin und Igor Strawinsky vor der Uraufführung des Violinkonzerts am 23. Oktober 1931
Samuel Dushkin (links) und Igor Strawinsky (rechts) während der Konzertpause vor der Uraufführung des Violinkonzerts am 23. Oktober 1931 in Berlin
(Bildnachweis: Wolfgang Burde: Reclams Musikführer Igor Strawinsky, Stuttgart: Reclam, 1995, S. 136. Foto aus der Sammlung des Autors)
   Schellackplatte
Beschriftung der zweiten Platte aus einem Set von insgesamt drei Schellackplatten mit einer Versuchsaufnahme von der Frankfurter Erstaufführung des Violinkonzerts von Igor Strawinsky am 9. November 1931


Der Mitschnitt, den die Funk-Stunde AG von der Uraufführung des Violinkonzerts gemacht hat, ist fragmentarisch erhalten, und so kann man sich auch heute (zumindest teilweise) noch ein Bild davon machen, ob diese Kritik berechtigt gewesen sein mag oder nicht. Von dem ursprünglich sechs Platten umfassenden Set haben die ersten drei Schellackplatten die Zeitläufe überdauert. Sie geben die ersten beiden Sätze "Toccata" und "Aria I" komplett sowie den Beginn des dritten Satzes "Aria II" wieder. Der Schluß der "Aria II" und der letzte Satz "Capriccio" fehlen.

Auch von der Frankfurter Erstaufführung des Violinkonzerts am 9. November 1931 existiert noch eine Rundfunkaufnahme. In dieser Aufführung spielte wiederum Samuel Dushkin den Solopart, begleitet wurde er von dem Frankfurter Funk-Orchester unter Leitung des Komponisten. Die Südwestdeutsche Rundfunk AG ließ den zweiten und vierten Satz des Violinkonzerts zu Testzwecken mitschneiden. Diese Versuchsaufnahme umfaßt insgesamt drei Schellackplatten, die sich heute im Bestand des Deutschen Rundfunkarchivs in Frankfurt befinden.

Der Berliner und der Frankfurter Mitschnitt sind erstrangige Zeugnisse für Strawinskys Kompositions- und Interpretationsideal. Dushkin spielt brillant und virtuos, kühl und distanziert. Die Virtuosität ist niemals Selbstzweck und lenkt in keinem Takt von der Hauptsache, nämlich von der musikalischen Struktur, ab. Die musikalische Struktur von Strawinskys Violinkonzert ist dem Neo-Barock verpflichtet. Das läßt sich schon anhand der Satzbezeichnungen erahnen. Auch die musikalische Substanz lehnt sich an barocke Vorbilder an, ohne aber zu irgendeinem Zeitpunkt ein Stilimitat zu sein. Die bekannten Form-Modelle werden vielmehr in der Klangsprache des 20. Jahrhunderts zu neuem Leben erweckt. Dushkins unprätentiöses Spiel unterstreicht den neo-barocken Gestus, wie zum Beispiel die ruhelose Motorik der Toccata und die kontrapunktische Faktur der Aria I mit ihren Imitationen.

Igor Strawinsky (1882-1971)
aus: "Concerto en ré pour violon et orchestre", StWV 53 (1931)

Hörzitat 1 (0'29''): Toccata (Beginn)
Samuel Dushkin, Violine
Das Berliner Funk-Orchester
Leitung: Igor Strawinsky

Mitschnitt der Uraufführung am 23. Oktober 1931 im großen Saal der Berliner Philharmonie durch die Funk-Stunde AG Berlin

Hörzitat 2 (0'29''): Aria I (Schluß)
Samuel Dushkin, Violine
Das Frankfurter Funk-Orchester
Leitung: Igor Strawinsky

Mitschnitt der Aufführung am 9. November 1931 im großen Saal des Saalbaus zu Frankfurt am Main durch die Südwestdeutsche Rundfunk AG Frankfurt

Die erhalten gebliebenen Teile von den Mitschnitten der Ur- und Erstaufführung von Strawinskys Violinkonzert sind für Zwecke der Wissenschaft, des Unterrichts und der Kultur auch in Form von Tonkopien erhältlich. Näheres siehe Benutzerinformationen des Deutschen Rundfunkarchivs.

Stand: April 2003

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 16.11.2006  | IMPRESSUM | nach oben