Die wesentliche Rolle, die der Westberliner Sender RIAS während des
Volksaufstandes gespielt hat, ist bekannt: er hatte vom 16. bis 21. Juni ein
Sonderprogramm geschaltet, in dem nicht nur aktuell über die Vorgänge
informiert und kommentiert, sondern auch Berichte und Reportagen von den Schauplätzen
gesendet wurden. Die Informationen über das landesweite Streikgeschehen
verbreiteten sich so in alle Gegenden der DDR. Weniger bekannt ist, was am
17. Juni im DDR-Hörfunk vor sich ging. Seit der Bildung des Staatlichen
Rundfunkkomitees im Herbst 1952 war der Rundfunk auch formell zum Staatsfunk
nach sowjetischen Vorbild umgestaltet worden.
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Im Tagesprogramm des 17. Juni 1973 war nicht
zu erkennen, dass ein besonderes Ereignis von existenzieller Bedeutung
für die DDR eingetreten war. Vormittags sendete man Unterhaltungs- und
Tanzmusik. Die Nachrichten meldeten nichts von den Demonstrationszügen
in Berlin und anderen Städten des Landes. Dies ging auf eine persönliche
Weisung des SED-Chefs Walter Ulbricht zurück. Im Funkhaus an der Nalepastraße
in Berlin-Oberschöneweide, an dem stundenlang Kolonnen von Streikenden
aus den Großbetrieben Schöneweides in Richtung Stadtzentrum vorbeizogen,
wurden mit Hilfe von Wachschutzkräften der Volkspolizei Sicherungsmaßnahmen
getroffen.
Abb. 1: Bericht des Chefs vom Dienst über
besondere Vorkommnisse im DDR-Hörfunk in der Nacht vom 16. zum
17. Juni 1953 Detailansicht |
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Die Rundfunkchefs informierten ihre Angestellten,
Redakteure und Journalisten über den im Gang befindlichen "konterrevolutionären
Putschversuch gegen die DDR". Im Funkhaus breitete sich eine gewisse Bedrohungsstimmung
aus. Auf viele der Mitarbeiter des Staatsfunks wirkte das Demonstrationsgeschehen
unverständlich. Redakteure bewachten das Haupttor, um eventuelle
"Eindringlinge" abzuwehren. Die vorbeiziehenden Demonstranten diskutierten
zwar hin und wieder mit ihnen, unternahmen jedoch nicht den Versuch, das
Gelände zu stürmen.
Abb. 2: Bericht über den Abwurf von Flugblättern auf das
Gelände des DDR-Hörfunks am Vormittag des 17. Juni 1953
Detailansicht
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Abb. 3: Notizen über Sicherheits- und
Kontrollgänge auf dem Funkhausgelände am 17. Juni 1953 Detailansicht |
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Andere Redakteure und Reporter wurden ins Stadtzentrum geschickt, um
akustische Vertrauens- und Zustimmungserklärungen zur DDR-Regierung
aufzunehmen. Sie benutzten alte Autos aus dem Funkhaus-Fuhrpark und
nicht die vorhandenen neueren Typen, weil letztere als "Regierungsautos"
erkennbar gewesen wären, von denen man befürchtete, dass sie von den
Demonstranten umgekippt werden würden. Inzwischen waren im Berliner
Zentrum nicht nur Streikende, sondern auch viele Schaulustige und SED-Mitglieder
(auch Rundfunkmitarbeiter) unterwegs, letztere mit dem Auftrag, mit
den Demonstrierenden zu diskutieren und sie zur Ruhe zu bewegen. Was
größtenteils misslang, da die aufgebrachte Menge die "Agitatoren" eher
verprügelte.
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Abb. 4 Zustimmungs- und Vertrauenserklärung zur SED und zur DDR-Regierung vom 17. Juni 1953
Detailansicht
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Nach und nach erreichten den Rundfunk an diesem
Vormittag immer mehr Telefonanrufe von befreundeten Rundfunkstationen
aus den Ostblockstaaten, aber auch von Hörern, die Informationen verlangten
und vertröstet wurden. Bertolt Brecht und seine Mitarbeiter von Berliner
Ensemble, stark verärgert über das Schweigen des Funks, boten den Rundfunkchefs
an, selbst im Programm aufzutreten und Stellung zu den Ereignissen zu
nehmen. Sie wurden abgewiesen. Nach 13.00 Uhr kam der Text der Anordnung
der Sowjetischen Kontrollkommission über die Verhängung des Ausnahmezustandes
nicht telefonisch ins Funkhaus, sondern wurde von einem sowjetischen Offizier
persönlich ins Funkhaus gebracht und sofort vor dem Mikrofon in stündlicher
Wiederholung verlesen. Dazwischen sendete man nun Ernste Musik. Am Nachmittag
hatten hochgradige Verunsicherung, Angst und Krisenstimmung im Funkhaus
Nalepastraße Einzug gehalten. Für die Produktion und Ausstrahlung des
Programms wurden weitere Wachsamkeitsvorkehrungen getroffen. Man bezog
Redakteure und Angestellte in die laufenden Kontrollgänge auf dem unübersichtlichen
Funkhausgelände ein, das zum Teil noch Baustelle war. Nur noch absolut
zuverlässige Mitarbeiter gelangten nun an die Schalter und Regler, schärfere
Kontrollen der Ein- und Ausgänge wurden eingeführt und noch Wochen nach
dem 17. Juni beibehalten. Die abends und nachts arbeitenden Mitarbeiter
erhielten sowjetisch beglaubigte Passierscheine für die verhängte Ausgangssperre.
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Erst am Abend meldete sich der DDR-Hörfunk
mit einer eigenen Nachrichtensendung zu den Ereignissen des Tages, die
der Rundfunkchef Kurt Heiss persönlich zusammengestellt hatte. Die Unruhen
seien das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten gewesen. Die
Bevölkerung wurde zur Wiederherstellung der Ordnung und zur Wiederaufnahme
der Arbeit aufgerufen. Die Regierung wolle Rechenschaft für Fehler der
Vergangenheit vor dem Volk ablegen. |
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Abb. 6: Erste Seite des Sendemanuskriptes des Kommentars "Saboteure am Werk!" von Karl-Eduard von Schnitzler, gesendet am Abend des 17. Juni 1953
Detailansicht
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In den späten Abendstunden dieses Tages zogen
vor dem Funkhaus sowjetische Panzer auf, freudig begrüßt von der Rundfunkleitung,
die die Anweisung hatte, diese Nacht in ihrer Arbeitsstelle "auf Posten"
zu verbringen. Aber auch viele Redakteure betrachteten die Panzerbesatzungen,
die dort mehrere Tage verblieben, als Schutz in einer unsicheren Lage.
Am nächsten Tag konzentrierte sich der DDR-Rundfunk in seinen Nachrichten,
aktuellen Sendungen und Kommentaren auf das Thema "Wiederaufnahme der
Arbeit" in Berlin und den Städten der DDR. Tenor der Sendungen war die
Darstellung der Plünderungen, Verwüstungen und Zerstörungen, die jedoch
nicht die demonstrierenden Arbeiter angerichtet hätten, deren Forderungen
berechtigt gewesen seien. Dennoch bedeuteten diese Sendungen nur eine
punktuelle Bezugnahme auf die Ereignisse des Vortages. Man wartete auf
weitere offizielle Verlautbarungen, die erst einige Tage später kamen.
Erst am 24. Juni war die erste öffentliche Rede des Ministerpräsidenten
nach dem Aufstand im Radio zu hören. In der Öffentlichkeit entwickelte
sich nach dem Aufstand eine vielfältige Diskussion zu Versäumnissen und
Fehlern der SED-Politik in der Vergangenheit, die in Forderungen nach
Veränderungen mündeten, die auch den DDR-Rundfunk betrafen. Bertolt Brecht
charakterisierte das Tagesprogramm des 17. Juni als absoluten Bankrott
des DDR-Rundfunks, als "ein totales Versagen, ein vollkommenes Verstummen
zu den ungeheuerlichen Vorgängen auf den Straßen, worüber sich schließlich
die ganze Republik gewundert hat." |