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Dokument des Monats Oktober 2003

Stachlige Blüten im Archiv

50 Jahre "Distel" - Das Berliner Kabarett am Bahnhof Friedrichstraße

  Logo der Distel

 


Die Distel blüht als echt Berliner Pflanze
inmitten unserer viergeteilten Stadt.
Doch was Berlin betrifft, geht sie aufs Ganze!
Und nicht nur, weil sie Herz mit Schnauze hat.

Sie korrigiert mit Witz die falschen Maße,
und wenn eins voll ist, sagt sie: es ist voll!
Ansonsten blüht sie in der Friedrichstraße,
was aber, wie man hört, bekannt sein soll.

Nur eins vielleicht ist noch bekanntzumachen:
Dir ist erlaubt, aus dir herauszugehn.
Und wenn du lachen musst, dann darfst du lachen,
Dein Vorgesetzter wird´s schon nicht gleich sehn.

 

(Auszug aus Programmheft "Kein Platz für milde Satire", 1958)

  

Foto: Umschlag des Programmhefts 'Kein Platz für milde Satire' der Distel, 1958
Umschlag Programmheft "Kein Platz für milde Satire", 1958 Entwurf und grafische Gestaltung: Louis Rauwolf
Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv, Babelsberg

O-Töne aus dem Programm "Hurra! Humor ist eingeplant", 14.02.1954

Hörzitat (3'06''):
1. Prolog - "Ich bin das bunte Spiel ..."

Autor: Hansgeorg Stengel // ANR: 2024408101
2. Ausschnitt aus Finale - Distel-Lied "Die Distel blüht zum Spaße..."

Autor: Erich Brehm; Komponist: Friedrich Heide // ANR: 2024408305
 
 

Im Oktober 1953, vor nunmehr 50 Jahren, trat im Ostteil Berlins eine Pflanze "ans Licht der Deutschen Demokratischen Republik", die nur "blüht, wenn sie sticht!". Es war das Berliner Kabarett "Die Distel", das bis zum heutigen Tag in seinem Stammhaus am S-Bahnhof Friedrichstrasse als unverzichtbarer Teil der Kulturlandschaft Berlins weiter existiert. Das Ensemble, das von Beginn an seine Programme aufgezeichnet hat, übergab diese Aufzeichnungen dem Deutschen Rundfunkarchiv, das die Aufnahmen sicherte, dokumentierte und in den Bestand des DRA integrierte. Die Rechte indes verblieben beim Kabarett. Neben den Bändern gehören zudem eine umfangreiche schriftliche Überlieferung mit Programmheften, Manuskripten und Notenschriften zum "Distel"-Bestand.

Im Kabarett wurde selten Klartext geredet, Anspielungen und Andeutungen waren die Regel, zumal in der DDR, wo Satire von offizieller Seite mit großem Misstrauen betrachtet wurde. Satire und auch Humor waren sehr zeitnah. In den Sketchen und Liedern spiegeln sich die zeitgenössische Probleme, Ereignisse und Personen wider. Vieles davon, mag es auch immer aktuelle Anlässe gegeben haben, war zeitlos. Dies betraf u.a. Mängel bei Dienstleistungen, das Verhalten von Politikern und Funktionären oder die unverwüstbare Bürokratie. Wenn auch in unterschiedlichem Maße, boten sie doch jederzeit ausreichend Gründe, um als Zielscheibe von Spott und Satire zu dienen.

Das Spektrum der Themen war breit. Sie reichten von den kleinen und größeren Misslichkeiten des sozialistischen Alltags in der DDR bis hin zur Weltpolitik. Man traf auf zaghafte bis überraschend deutliche Kritik an politischen und ideologischen Kampagnen und Mängeln der Planwirtschaft in der DDR. Die politische Satire war stark vom Kalten Krieg und dem dahinter stehenden Ost-West-Konflikt geprägt. Die Politik der USA und der Bundesrepublik wurden dementsprechend scharf attackiert.

Interessant sind auch die Autoren, die für das Kabarett Sketche und Lieder geschrieben haben. Neben den Stammautoren der 50er Jahre wie Erich Brehm, Lothar Kusche und Hans Rascher erscheinen häufig auch andere, zumindest in der DDR sehr bekannte Namen in den Programmheften. Günter Kunert, Jo H. Schulz, Hansgeorg Stengel und Jan Koplowitz gehören ebenfalls dazu.

Stand: Oktober 2003

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 16.11.2006  | IMPRESSUM | nach oben