Die Distel blüht als echt Berliner Pflanze
inmitten unserer viergeteilten Stadt.
Doch was Berlin betrifft, geht sie aufs Ganze!
Und nicht nur, weil sie Herz mit Schnauze hat.
Sie korrigiert mit Witz die falschen Maße,
und wenn eins voll ist, sagt sie: es ist voll!
Ansonsten blüht sie in der Friedrichstraße,
was aber, wie man hört, bekannt sein soll.
Nur eins vielleicht ist noch bekanntzumachen:
Dir ist erlaubt, aus dir herauszugehn.
Und wenn du lachen musst, dann darfst du lachen,
Dein Vorgesetzter wird´s schon nicht gleich sehn.
(Auszug aus Programmheft "Kein Platz für milde Satire", 1958)
|
|

Umschlag Programmheft "Kein Platz für milde Satire", 1958 Entwurf und
grafische Gestaltung: Louis Rauwolf
Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv, Babelsberg
|
|
Im Oktober 1953, vor nunmehr 50 Jahren, trat im Ostteil Berlins eine
Pflanze "ans Licht der Deutschen Demokratischen Republik", die nur "blüht,
wenn sie sticht!". Es war das Berliner Kabarett "Die Distel", das bis
zum heutigen Tag in seinem Stammhaus am S-Bahnhof Friedrichstrasse als
unverzichtbarer Teil der Kulturlandschaft Berlins weiter existiert.
Das Ensemble, das von Beginn an seine Programme aufgezeichnet hat, übergab
diese Aufzeichnungen dem Deutschen Rundfunkarchiv, das die Aufnahmen
sicherte, dokumentierte und in den Bestand des DRA integrierte. Die
Rechte indes verblieben beim Kabarett. Neben den Bändern gehören zudem
eine umfangreiche schriftliche Überlieferung mit Programmheften, Manuskripten
und Notenschriften zum "Distel"-Bestand.
Im Kabarett wurde selten Klartext geredet, Anspielungen und Andeutungen
waren die Regel, zumal in der DDR, wo Satire von offizieller Seite mit
großem Misstrauen betrachtet wurde. Satire und auch Humor waren sehr
zeitnah. In den Sketchen und Liedern spiegeln sich die zeitgenössische
Probleme, Ereignisse und Personen wider. Vieles davon, mag es auch immer
aktuelle Anlässe gegeben haben, war zeitlos. Dies betraf u.a. Mängel
bei Dienstleistungen, das Verhalten von Politikern und Funktionären
oder die unverwüstbare Bürokratie. Wenn auch in unterschiedlichem Maße,
boten sie doch jederzeit ausreichend Gründe, um als Zielscheibe von
Spott und Satire zu dienen.
Das Spektrum der Themen war breit. Sie reichten von den kleinen und
größeren Misslichkeiten des sozialistischen Alltags in der DDR bis hin
zur Weltpolitik. Man traf auf zaghafte bis überraschend deutliche Kritik
an politischen und ideologischen Kampagnen und Mängeln der Planwirtschaft
in der DDR. Die politische Satire war stark vom Kalten Krieg und dem
dahinter stehenden Ost-West-Konflikt geprägt. Die Politik der USA und
der Bundesrepublik wurden dementsprechend scharf attackiert.
Interessant sind auch die Autoren, die für das Kabarett Sketche und
Lieder geschrieben haben. Neben den Stammautoren der 50er Jahre wie
Erich Brehm, Lothar Kusche und Hans Rascher erscheinen häufig auch andere,
zumindest in der DDR sehr bekannte Namen in den Programmheften. Günter
Kunert, Jo H. Schulz, Hansgeorg Stengel und Jan Koplowitz gehören ebenfalls
dazu.
|