Dokument des Monats Dezember 2004
Ein frühes Zeugnis der Jazz-Rezeption in Deutschland
Mátyás Seiber und das Jazzorchester des Hoch'schen Konservatoriums in einer
Rundfunkaufnahme aus dem Jahre 1931
In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts fand der Jazz als neue Form der Unterhaltungsmusik
den Weg von den USA nach Europa. Die neuartigen Stilmittel erregten bei Musikern
und Komponisten großes Interesse und wurden alsbald in die europäische Kunst-
und Unterhaltungsmusik integriert. Das Hoch'sche Konservatorium in Frankfurt
am Main richtete im Jahre 1928 die weltweit erste Jazz-Klasse ein. Die Leitung
dieser Jazz-Klasse übernahm der aus Budapest stammende Komponist Mátyás Seiber
(1905-1960). Das Hoch'sche Konservatorium zählte schon bald nach seiner Gründung
im Jahre 1878 zu den renommiertesten Musikinstitutionen in Deutschland. Prominente
Musiker wie Clara Schumann und Engelbert Humperdinck lehrten dort. Die große
Bedeutung der Institution würdigte seinerzeit auch die Deutsche Bundesbank,
indem sie das Hoch'sche Konservatorium auf der Rückseite des 100-DM-Scheins
abbilden ließ.

Rückseite des bis zum 31.12.2001 gültigen 100 DM-Scheins mit der Abbildung
des Hoch'schen Konservatoriums in Frankfurt, eines Konzertflügels und einer
schwingenden Stimmgabel
Die Einrichtung einer Jazz-Klasse an einer der wichtigsten deutschen Ausbildungsstätten
für den musikalischen Nachwuchs zeugt von dem hohen Stellenwert, den
man Ende der 1920er Jahre der neuen Musikrichtung aus den USA beimaß.
Fünf Jahre nach der Gründung, im Jahre 1933, wurde die Jazz-Klasse
des Hoch'schen Konservatoriums auf Druck der Nationalsozialisten wieder geschlossen.
Mátyás Seiber verließ im Herbst des Jahres 1933 Deutschland.
Er kehrte zunächst nach Ungarn zurück und emigrierte schließlich
1935 nach Großbritannien. Seiber starb 1960 bei einem Verkehrsunfall
im Krüger National Park, Südafrika.
Aus Seibers Frankfurter Zeit ist ein interessantes Tondokument erhalten,
das die frühe Jazz-Rezeption in Deutschland widerspiegelt. Die Südwestdeutsche
Rundfunk A.-G. hatte Mátyás Seiber und das Jazzorchester des
Hoch'schen Konservatoriums am 12. Dezember 1931 in den Sendesaal des Frankfurter
Funkhauses zu einer Aufnahme eingeladen. Interessanterweise wählte Seiber
für die Aufnahme keinen amerikanischen Jazz aus, sondern den Titel "Oh
my" des belgischen Trompeters Peter Packay - alias Pierre Paquet (1904-1965).
Die Aufnahme präsentiert mithin eine durch und durch europäische
Adaptation des originalen amerikanischen Jazz. Möglicherweise ist dies
auch ein Grund dafür, daß die Musik kaum nach Jazz im eigentlichen
Sinne klingt:
Peter Packay (1904-1965)
Hörzitat (2'40''): Oh my (für
Jazzensemble)
Jazzorchester des Konservatoriums Dr. Hoch, Frankfurt am Main
Leitung: Mátyás Seiber
Aufnahmedatum: 12. Dezember 1931
Aufnahmeort: Frankfurt am Main, Funkhaus, Senderaum
Produzent: Südwestdeutsche Rundfunk A.-G.
 Etikett der Originalschellackplatte mit der Rundfunkeinspielung von
"Oh my" |
 Mátyás Seiber (1905-1960)* |
Grundlage der Jazz-Rezeption in Europa waren zunächst geschriebene Quellen:
Arrangements und Anleitungen, denn amerikanische Jazz-Bands waren anfangs
nur selten in Europa zu hören, und diese Bands spielten keineswegs immer
Jazz, sondern auch populäre amerikanische Tanzmusik. Viele europäische
Musiker und Komponisten hatten also originalen Jazz noch nie gehört.
Erst ab 1932, also nach dem Zeitpunkt der Komposition und Aufnahme von "Oh
my", waren stilprägende Jazzmusiker wie Louis Armstrong und Duke Ellington
in Europa zu hören.
*Foto von Mátyás Seiber in: The New Grove Dictionary of
Music and Musicians, London 1980
Stand: April 2009