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Dokument des Monats Dezember 2005

Weihnachten im Felde
Ein "kleines Stück Frieden" im Ersten Weltkrieg

Zum Jahresende 1914 stagnierte die militärische Lage des Ersten Weltkrieges an allen Fronten. Nachdem sich die Kriegseuphorie gelegt hatte und die ersten verlustreichen Schlachten geschlagen waren, wurde allenthalben der Schrecken des Krieges sichtbar. Die deutschen Soldaten, die anfangs noch mit einem "kurzen Spaziergang nach Paris" gerechnet hatten, mussten das Weihnachtsfest 1914 in den Schützengräben verbringen.
Die Familien der Soldaten in der Heimat versuchten, ihre Angehörigen an den Fronten mit Briefen und Paketen aufzuheitern. Es wurden sogar Weihnachtsbaum-Bausätze in der Größe von Zigarrenkisten hergestellt, damit die Soldaten in Ihren Unterständen das Weihnachtsfest begehen konnten.

Kinoplakat: Merry Christmas (öffnet in neuem Fenster)
Merry Christmas

An den Fronten und in deren Hinterland gastierten Künstler und Ensembles der "Truppenbetreuung", um die Moral der Soldaten zu stärken.
An der Frankreich-Front kam es am Heiligen Abend sogar zu einer spontanen weihnachtlichen Verbrüderung der Soldaten im Niemandsland zwischen den Stellungen, die die Idee für den derzeit in den Kinos laufenden Film "Merry Christmas" lieferte.
An der sogenannten Heimatfront mussten sich die Menschen mit der Abwesenheit oder gar dem Tod ihrer Angehörigen arrangieren. Natürlich wurde auch hier versucht, positiv auf die Stimmung einzuwirken. Die Auswirkungen des "Weltkrieges" wurden jedoch auch zur damaligen Zeit von kritischen Künstlern kommentiert und hinterfragt.

An der Grenze zwischen Stärkung der Moral der Betroffenen und der Kritik an der damaligen militärischen und politisch-gesellschaftlichen Situation ist das vorliegende Dokument des Monats angesiedelt.

Foto: Portrait von Gustav Schönwald
Gustav Schönwald

In seiner Aufnahme "Weihnachten im Felde" aus dem Jahre 1914 überlässt Gustav Schönwald dem Zuhörer, die Entscheidung über die Grenze zwischen Patriotismus und Kritik zu ziehen.

Schönwald, am 26.08.1868 in Berlin geboren, hatte sich schon seit langem als Humorist mit musikalischen und gesprochenen Werken mit dem Berlin der Kaiserzeit rund um die Jahrhundertwende auseinandergesetzt. Dabei kommentierte er nicht nur die Belange des einfachen Menschen, sondern scheute auch nicht vor kritischen Hinweisen auf den deutschen Militarismus oder die weit verbreitete Obrigkeitshörigkeit zurück.

Die Platte "Weihnachten im Felde" beginnt mit dem Weihnachtslied: "Vom Himmel hoch da komm ich her". Mit den stimmungsvollen Klängen wird eine angenehme weihnachtliche Stimmung erzeugt, doch lässt der folgende Teil den aufmerksamen Zuhörer aufhorchen. Der sonst so bekannte Text von den Hirten auf dem Felde und dem "Frieden auf Erden" entspricht nur vordergründig der zuvor erzeugten Weihnachtsstimmung, auf den zweiten Blick erlaubt er unterschiedliche Interpretationen. Auf der einen Seite der Wunsch nach dem Sieg der deutschen Fahnen, auf der anderen Seite die spezielle Bedeutung der Forderung nach dem Frieden unter den Menschen:

"Und es waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde. Auch wir hüten auf dem Felde, hüten und verteidigen unser Vaterland auf dem Felde der Ehre. Fern von unseren Lieben, die daheim nun um den leuchtenden Weihnachtsbaum versammelt sind, wissen wir, dass sie unser gedenken, dass ihre Wünsche sich mit den unseren vereinigen und ausklingen in der Hoffnung auf den endgültigen Sieg unserer Fahnen. Und wir, die wir diese Wünsche in unsere Herzen aufnehmen, werden unser Letztes hingeben, um unser geliebtes Vaterland zu erhalten für alle Zeiten und ihm die Verheißung zu erfüllen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden"

Hörzitat: (1'01''): "Gustav Schönwald: Weihnachten im Felde"
aufgenommen 1914

Den Schluss bildet das Weihnachtslied: "Oh du fröhliche".

Es bleibt letztlich dem Zuhörer überlassen, ob er als Befürworter des Krieges auf den Sieg der deutschen Waffen hoffen, oder den unauflöslichen Wiederspruch zwischen Stellungskrieg und "Friede auf Erden" beklagen will.

Die vorliegende Aufnahme "Weihnachten im Felde" ist eine von 88 Schellackplatten in den Beständen des Deutschen Rundfunkarchivs, die einen Teil des Werkes Gustav Schönwalds widerspiegeln.

Georg Vorwerk (DRA)

Stand: Dezember 2005

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 16.11.2006  | IMPRESSUM | nach oben