Dokument des Monats März 2005
Die Jugendweihe in der DDR

Bild: Jugendweihe in der DDR, 1969 |
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Hörzitat
1 (2'20''):
Leo Fiedelstreich: "Ein schöner Tag" (Jugendweihelied)
Hörzitat
2 (1'27''): Gelöbnis zur Jugendweihe Jugendweihefeier im Kultursaal des VEB Bergmann-Borsig,
1963
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Am 27. März 1955 fand in Ost-Berlin zum ersten Mal offiziell eine Jugendweihe
statt. Schon am 14. März 1954 hatte das Politbüro der SED die Einführung dieses
Rituals beschlossen, um den Einfluss der Kirchen auf die Jugend einzudämmen.
Die SED konnte dabei auf eine bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition
zurückgreifen.
Der Begriff Jugendweihe tauchte erstmals im Jahre 1852 auf.
Zu dieser Zeit bildete sich eine freireligiöse Bewegung heraus, welche für
ein Bekenntnis zum Christentum über die Konfession hinweg und eine Reform
des Glaubens im Sinne des Urchristentums stand. Aus dieser Bewegung ging im
Jahre 1881 eine deutlich atheistische Gruppierung hervor, der sogenannte "Deutsche
Freidenkerbund". Dieser verstand sich als bürgerlich-humanistisch. Parallel
dazu entstand die "Arbeiter- Freidenkerbewegung", die sich jedoch
im 20. Jahrhundert mit der Gründung der "Internationalen Proletarischen
Freidenker" von der bürgerlichen Bewegung distanzierte. Seit 1890 wurde
das Ritual "Jugendweihe" in einer speziellen Form durchgeführt.
Jugendliche wurden von der Schule ins Berufsleben entlassen. Der Jugendlehrer
hielt einen Vortrag über die freigeistige Weltanschauung, es gab ein Gelöbnis,
Erinnerungsblätter und ein Gedenkbuch wurden übergeben, Gesänge und Rezitationen
umrahmten die feierliche Veranstaltung. Die Weimarer Republik gilt als "Blütezeit"
der Jugendweihe, die vor allem in den proletarischen Freidenkerbünden und
in den Arbeiterparteien SPD und KPD praktiziert wurde.
Die Jugendweihe in der DDR war als sozialistisches Pendant
zu vergleichbaren kirchlichen Zeremonien gedacht: Am Ende des 8. Schuljahres
wurden die Jugendlichen damit offiziell in die Welt der Erwachsenen aufgenommen.
Im Mittelpunkt der Feier stand ein öffentliches Gelöbnis, mit dem sich die
Jugendlichen zum sozialistischen Staat, zur Freundschaft mit der Sowjetunion
und mit den sozialistischen Bruderstaaten sowie zum Kampf für Frieden und
gegen den Imperialismus bekannten. Die Feier entwickelte sich in den folgenden
Jahrzehnten immer mehr zum Familienfest, sie war eng mit dem schulischen Leben
verknüpft und hatte schon deshalb große Bindungskraft. In den 70er und 80er
Jahren nahmen bis zu 97 % der Jugendlichen in der DDR an der Jugendweihe teil.
Die hohen Teilnehmerzahlen hingen jedoch sicher auch damit zusammen, dass
Verweigerer mit Benachteiligungen in Schule und Beruf rechnen mussten und
dass in solchen Fällen auch Druck auf die Eltern ausgeübt wurde.
Wie stark dieses Ritual im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung
der ehemaligen DDR verankert ist, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass
die Tradition der Jugendweihe in den Neuen Bundesländern auch heute weiterhin
lebendig ist.
Stand: März 2005