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Dokument des Monats Mai 2005

Eine unbekannte Berühmtheit

Die Erstfassung von Mozarts G-Moll-Sinfonie
in einer Aufnahme aus dem Jahre 1934


Bild: Portrait von Wolfgang Amadeus Mozart
Bild: Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Porträt von Joseph Lange, Frühjahr 1789

Wer kennt sie nicht, Mozarts "Große G-Moll-Sinfonie"? Von allen Mozart-Sinfonien ist sie mit Abstand die populärste. Auch Zeitgenossen, die sonst wenig Sinn für klassische Musik haben, ist zumindest der erste Satz geläufig. Man hört ihn in allen erdenklichen Bearbeitungen an den verschiedensten Örtlichkeiten und in den unterschiedlichsten Lebenslagen: in Konzertsälen, Supermärkten, Cafés, Warte- und Waschräumen. Die Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen. Sogar als plärrender Klingelton von Mobiltelefonen erfreut sich Mozarts vorletzte Sinfonie großer Beliebtheit.

Mozart schrieb seine letzten drei Sinfonien (Es-Dur KV 543, G-Moll KV 550, C-Dur KV 551) binnen weniger Wochen im Sommer des Jahres 1788 in Wien. Die Tatsache, dass weder ein konkreter Kompositionsanlass noch die ersten Aufführungstermine bekannt sind, leistete einigen Spekulationen Vorschub. Die Vermutung, Mozart habe sie aus innerem, künstlerischem Antrieb ohne konkrete Aufführungsabsichten komponiert, lässt sich aus der Sicht der neueren Forschung ebenso wenig aufrechterhalten wie die Annahme, Mozart habe seine letzten Sinfonien nie gehört.

Die Quellenlage bietet sichere Indizien dafür, dass Mozart zumindest die G-Moll-Sinfonie aufgeführt haben muss, denn sie liegt in unterschiedlichen Fassungen vor. Die Erstfassung weist eine spartanische Besetzung auf: eine Querflöte, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner und Streicher. Nach Abschluss der Arbeiten an der ursprünglichen Partitur nahm Mozart einige Veränderungen an der Instrumentierung vor. Am tiefgreifendsten sind die Abwandlungen im zweiten Satz. Mozart instrumentierte zwei Passagen vollkommen neu. Die Änderungen notierte er auf einem separaten Einlageblatt - im ursprünglichen Autograph sind die Stellen markiert, die ersetzt werden sollen. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass Mozart das Werk gehört und die Notwendigkeit von Verbesserungen festgestellt hat. Aber auch nach der Überarbeitung war er mit der Instrumentierung nicht zufrieden. Wahrscheinlich war ihm das Klangbild zu herb, und so erweiterte er die Besetzung um zwei Klarinetten. Um die zusätzlichen Stimmen sinnvoll integrieren zu können, musste Mozart den Bläsersatz komplett neu komponieren. Heutzutage kennt man nur noch diese Zweitfassung. Die Urfassung ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst Anfang der 1980er Jahre - im Zuge der Alte-Musik-Bewegung - schenkte man der Erstfassung wieder Aufmerksamkeit. Trotzdem sind Aufführungen und Aufnahmen dieser Version selten.

Durch eine Schenkung kam das Deutsche Rundfunkarchiv in den Besitz eines Sets von Schellackplatten mit einer Aufnahme von Mozarts G-Moll-Sinfonie, die der gefeierte russische Dirigent Sergej Kussewitzky mit dem London Philharmonic Orchestra um 1934 eingespielt hatte. Kussewitzkys Einspielung ist sowohl unter dem Label Electrola als auch unter dem Label His Master's Voice (HMV) erschienen. Auf den Etiketten der Schellackplatten gibt es bei keinem der beiden Labels einen Hinweis auf die eingespielte Fassung. Beim Durchhören der Aufnahme war die Überraschung groß, als sich herausstellte, dass Kussewitzky nicht die bekannte Zweit-, sondern die unbekannte Erstfassung der berühmten Sinfonie dirigiert hatte. Bei einer Aufnahme aus den 1930er Jahren war das nicht zu erwarten.

Foto zeigt Sergej Kussewitzky beim Dirigieren
Bild: Sergej Kussewitzky (1874-1951)

Kussewitzky folgte bei der Aufnahme kompromisslos der Urfassung der Sinfonie und liess sämtliche späteren Änderungen außer acht. Selbst bei einer marginalen Variante im zweiten Satz, die Mozart in sein Autograph eintrug und die sogar in den Notentext der Neuen Mozart-Ausgabe aufgenommen wurde, hielt er sich an die ursprüngliche kompositorische Idee. Ungewöhnlich ist auch, dass Kussewitzky die Exposition des ersten Satzes wiederholen ließ. Die Wiederholung ist zwar von Mozart vorgeschrieben, wurde damals aber meistens ignoriert. Kussewitzkys Interpretation von der G-Moll-Sinfonie, KV 550, hebt sich deutlich von den Aufnahmen seiner Zeit ab und ist - wenn man von einigen unmotivierten Tempowechseln im Kopfsatz einmal absieht - erstaunlich modern.

 

Wolfgang Amadeus Mozart  (1756-1791)
Hörzitat (3'07''): Molto allegro  (Wiederholung der Exposition und Durchführung des ersten Satzes)  
Aus: Sinfonie G-Moll, KV 550 (Urfassung)
London Philharmonic Orchestra
Dirigent: Sergej Kussewitzky
Aufnahmedatum: ca. 1934
Originaltonträger: Electrola / His Master's Voice D.B. 2343/45
DRA-Bestellnummer: B003162998


Etikett der Electrola-Platte
Etikett der Electrola-Platte von Mozarts G-Moll-Sinfonie unter Leitung von Sergej Kussewitzky
Etikett der HMV-Platte
Etikett der HMV-Platte von Mozarts G-Moll-Sinfonie unter Leitung von Sergej Kussewitzky
Stand: Mai 2005

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 16.11.2006  | IMPRESSUM | nach oben