Dokument des Monats Oktober 2005
Realistisches Musiktheater
Zum 30. Todestag von Walter Felsenstein

Walter Felsenstein, Probe zu "Hoffmanns Erzählungen", 1970 (DRA / Kohl)* |
Am 8. Oktober 2005 jährt sich der Todestag des Schauspielers, Opernregisseurs und -intendanten Walter
Felsenstein zum 30. Mal. Der Gründer und Intendant der Komischen Oper Berlin wurde am 30. Mai 1901 in Wien
geboren. Nach dem Abitur und einem abgebrochenen Maschinenbaustudium erhielt er eine Privatausbildung zum
Schauspieler. Neben ersten Tätigkeiten als Schauspieler in den 20er Jahren leitete er als Spielleiter und
Dramaturg zwischen 1927 und 1936 zahlreiche Aufführungen (Pfitzner, Bizet, Wagner u. a.) in Köln, Basel
und Frankfurt am Main. Nach einem Ausschluss aus der Reichstheaterkammer (wegen seiner Ehe mit einer sog.
"nichtarischen" Frau) im Jahr 1936 war er von 1938 bis 1940 Oberspielleiter der Operette am Stadttheater
Zürich und von 1940 bis 1944 Spielleiter am Schiller-Theater Berlin. Nach Kriegsende war Felsenstein von
1945 bis 1947 Spielleiter am Hebbel-Theater Berlin, wo er im Dezember 1945 mit "Pariser Leben" die erste
Offenbach-Aufführung im Nachkriegsdeutschland inszenierte.
Kontakte mit der Sowjetischen Militäradministration sorgten dafür, dass ihm am 5. Juni 1947 im wiederaufgebauten
Metropoltheater in Berlin die Lizenz für eine "Komische Oper" nach dem Vorbild der französischen Opéra Comique
erteilt wurde. Er wurde dadurch zum Intendanten und Chefregisseur der Komischen Oper ernannt, die am 23. Dezember
1947 mit einer Aufführung der "Fledermaus" von Johann Strauß eröffnet wurde. Diese Funktion füllte er bis zu
seinem Tod am 8. Oktober 1975 aus.
Felsenstein engagierte sich mit seiner Arbeit an der Komischen Oper für ein realistisches Musiktheater,
in dessen Zentrum die dramatische Handlung steht. Theater und Musik sind gleichberechtigt, die Einheit von
Szene und Musik ist ein zentrales Anliegen des Felsenstein'schen Musiktheaters. Der Gesang sollte dabei immer
Ausdruck einer dramatischen Situation bzw. eines komödiantischen Anlasses sein und nicht als Selbstzweck
verstanden werden. Felsenstein legte besonderen Wert darauf, eine Oper möglichst frei von falschen
Interpretationen und überkommenen Traditionen nach den Vorstellungen des Komponisten aufzuführen, weshalb
seine Arbeit auf der intensiven Kenntnis und der möglichst genauen Umsetzung der Partitur eines Werkes
beruhte. Mit diesem Musiktheater verfolgte er das Ziel, dem Zuschauer Oper verständlich zu machen und nahe
zu bringen. Deshalb inszenierte er ausschließlich in deutscher Sprache. Dabei war ihm jede einzelne
Aufführung gleich wichtig: "Es gibt keine Aufführung, die morgen oder übermorgen so neu ist wie heute und
gestern. Sie muß ja auch nicht immer besser sein, aber sie muß neu sein, sie muß zum ersten Mal da sein."
(Aus: Felsenstein, Walter: Theater muss immer etwas Totales sein. Briefe, Reden, Aufzeichnungen, Interviews.
Berlin 1986. S. 503) Nach diesen Grundsätzen inszenierte er insbesondere die Opern von Verdi (z. B. Othello
und La Traviata), Offenbach (z. B. Hoffmanns Erzählungen, Ritter Blaubart) und Mozart (z. B. Die Zauberflöte,
Figaros Hochzeit). Unter seiner Leitung entstanden außerdem einige Opernverfilmungen: In Zusammenarbeit mit
Hanns Eisler wurde 1956 in Wien "Fidelio" gedreht, mit dem Deutschen Fernsehfunk entstanden die Filme
"Das schlaue Füchslein", "Othello", "Hoffmanns Erzählungen" und "Ritter Blaubart". Neben der erfolgreichen
Arbeit in Berlin (sein meistgespieltes Stück "Der Fiedler auf dem Dach" von Bock erreichte 506 Aufführungen)
gastierte das Ensemble der Komischen Oper mit Felsenstein-Inszenierungen in ganz Europa.

Walter Felsenstein (DRA / Meister, 1970) |
Für seine Arbeit wurde Walter Felsenstein mehrfach ausgezeichnet. Im Jahr 1950 erhielt er den Goethe-Preis
der Stadt Berlin, 1960 wurde ihm der Nationalpreis I. Klasse für sein künstlerisches Gesamtwerk zuerkannt.
Zusammen mit Kurt Masur und Hanns Nocker nahm er 1970 den Nationalpreis I. Klasse für den Fernsehfilm "Othello"
entgegen. Neben seiner Arbeit für die "Komische Oper" war er in zahlreichen künstlerischen und kulturpolitischen
Organisationen tätig. So war er u. a. Vizepräsident des Verbandes der Theaterschaffenden sowie Vizepräsident
der Akademie der Künste der DDR.
Hörzitat 1: (3'09''): Walter Felsenstein zum realistischen Musiktheater auf der außerordentlichen Plenartagung des ZK der
Deutschen Akademie der Künste in Berlin zum 15. Jahrestag der DDR.
Aus: "Radio DDR zu Gast bei der Komischen Oper. Ein musikalisches Feuilleton von Dieter Boeck über
das berühmte Berliner Operninstitut."
Hörzitat 2: (2'24''): Walter Felsenstein interpretiert und analysiert Verdis "La Traviata", Akademie der Künste, 1965
Aus: "In memoriam Walter Felsenstein. Sondersendung zum Ableben des Theaterregisseurs."
* Foto auch in: Werkstatt Musiktheater - Walter Felsenstein in Bildern von Clemens Kohl.
Hg. v.: Raphael, Aksina, Henschel Verlag, 2005.
Stand: Oktober 2005