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Dokument des Monats September 2005

Teufelsgelächter

Paganinis Caprice B-Dur op. 1,13 in einer Rundfunkaufnahme mit Gioconda De Vito aus dem Jahre 1938

 

Zeichnung: Portrait von Nicolò Paganini
Bild: Nicolò Paganini (1782-1840)

"Jedermann errät es jetzt und hätte es längst merken können, daß Paganini und der Satan in der engsten Beziehung stehen, wenn einer nicht sogar mit dem andern identisch ist", heißt es 1829 in der Zeitung für die elegante Welt. Paganinis Virtuosität empfanden seine Zeitgenossen gleichermaßen als faszinierend und unheimlich, und darum ranken sich zahlreiche Legenden und Anekdoten um den "Teufelsgeiger" aus Genua. So soll Paganini seine 1743 von Giuseppe Guarneri del Gesù gebaute Violine, die er "il Cannone" ("die Kanone") nannte, angeblich mit Saiten aus menschlichem Darm bespannt haben. "Man munkelt, daß er seine Seele dem Bösen verschrieben und daß jene vierte Saite, der er so zauberische Weisen entlockt, der Darm seines Weibes sei, das er eigenhändig erwürgt habe", weiß Franz Liszt zu berichten.

Diabolisch ist auch der Titel, der der Caprice in B-Dur op. 1,13 verliehen wurde:

"Teufelsgelächter". Paganini komponierte diese Caprice um 1805 und veröffentlichte sie im Jahre 1820 im Rahmen seiner 24 Capricen für Violine solo. Von einem Sammler erhielt das Deutsche Rundfunkarchiv in diesem Jahr eine Aufnahme des "Teufelsgelächters", die am 6. Februar 1938 vom Reichssender Leipzig ausgestrahlt wurde. Die Einspielung ist als privater Radiomitschnitt auf einer Decelith-Folie erhalten. Dies ist ein ganz besonderer Glücksfall, denn aus den Aufnahmekatalogen der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft geht hervor, daß der Reichssender Leipzig die Aufnahme nicht für die dauerhafte Bewahrung auf Schellackplatte vorgesehen hatte. Privataufnahmen waren damals keine Selbstverständlichkeit. Tonbandmaschinen gab es noch nicht - jedenfalls nicht im Amateurbereich - und Geräte, mit denen man selbst Aufnahmen auf Gelatine- oder Decelith-Folien schneiden konnte, waren recht teuer. Einzig dem Interesse eines gutsituierten Rundfunkhörers ist es also zu verdanken, daß die Aufnahme des "Teufelsgelächters" der Nachwelt überliefert ist.


Etikett der Decelith-Folie
Foto: Schneid- und Abspielkoffer der Firma Telefunken
Bild: Etikett der Decelith-Folie mit der Aufnahme
von Paganinis 'Teufelsgelächter'
Bild: Schneid- und Abspielkoffer
der Firma Telefunken (ca. 1932)

Die Capricen op. 1 zählen zu den bekanntesten und beliebtesten Werken des Genueser Violinvirtuosen. Entsprechend oft wurden sie bearbeitet, unter anderem von Robert Schumann, Franz Liszt und Johannes Brahms. In der Rundfunksendung am 6. Februar 1938 erklang die Caprice op. 1,13 nicht im Original, sondern in einer Fassung für Violine und Klavier. Die Interpreten waren die italienische Violinvirtuosin Gioconda de Vito und der Pianist Gustaf Beck.


Nicolò Paganini (1782-1840)
Hörzitat (3'11''): Caprice B-Dur op. 1,13 ("Teufelsgelächter")
Gioconda De Vito, Violine
Gustaf Beck, Klavier
Sendung: Reichssender Leipzig, 6. Februar 1938, 18.20 Uhr

 

Foto: Gioconda De Vito
Bild: Gioconda De Vito (1907-1994)

Gioconda De Vito wurde 1907 in Martina Franca in Apulien geboren. Sie studierte bei Attilio Crepax in Pesaro und Remy Principe in Rom. 1935 erhielt sie eine Professur an der Accademia di Santa Cecilia in Rom. Gioconda De Vito genoss in den 30er und 40er Jahren in Deutschland einen ausgezeichneten Ruf. Vor allem in Berlin feierte sie große Erfolge. In der Nachkriegszeit kritisierte man sie deswegen. Sie habe ihre Kunst bis zuletzt in den Dienst des nationalsozialistischen Regimes gestellt. Gioconda De Vito war ab 1947 überwiegend in England tätig. Sie war in erster Linie für ihre Interpretationen klassischer Violinkonzerte berühmt, machte sich aber auch um zeitgenössische Musik verdient. So schrieb Ildebrando Pizzetti im Jahre 1944 sein Violinkonzert für sie. 1960 zog sich Gioconda De Vito aus dem Konzertleben zurück. Sie starb am 14. Oktober 1994 in Rom.

Gioconda De Vito spielte Instrumente von Antonio Stradivari und Nicola Gagliano. Welche Geige in der Aufnahme des "Teufelsgelächters" aus dem Jahre 1938 zu hören ist, kann nicht mit letzter Sicherheit ermittelt werden. Vielleicht handelt es sich um die 1715 von Stradivari gebaute Violine aus dem Besitz von Antonio Bazzini.
 

Stand: September 2005

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 16.11.2006  | IMPRESSUM | nach oben