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Dokument des Monats Juni 2006

Die Fußballreportage im frühen Rundfunk

Von Beginn an, d.h. seit der ersten Hälfte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, experimentierten die einzelnen deutschen Rundfunkgesellschaften mit verschiedenen Formen der Liveberichterstattung. Journalisten, die sich vor allem für die technische Seite des Mediums interessierten, versuchten auf diese Weise die inhaltliche Form des Programms zu entwickeln. Die Nachrichten wurden anfangs aus der Tageszeitung, sehr bald aber schon von einer zentralen Nachrichtenstelle der Dradag (Aktiengesellschaft "Drahtloser Dienst") übernommen, die eine eigens für sie eingerichtete Zensurbehörde hatte.
Übertragungen von kulturellen oder gesellschaftlichen Ereignissen unterlagen der restriktiven Rundfunkordnung, die Überwachungsausschüsse der Sendegesellschaften mussten sie nach Vorlage des Manuskripts eigens genehmigen.

Im Gegensatz dazu galt die Sportberichterstattung als "politisch unschuldiges" Programm, für das die Bestimmung, die Manuskripte vorher den Zensurgremien vorzulegen, nicht galt.
Alle Sendegesellschaften nutzten diesen Freiraum und gaben den Reportern den notwendigen Entwicklungsspielraum, um sportliche Wettkämpfe live und dadurch spannend und wirklichkeitsnah zu übertragen.

Nachdem die Hamburger Sendegesellschaft mit der Hörfunkübertragung einer Regatta auf der Alster am 13. Juli 1924 der Anfang gemacht hatte, zogen die anderen Gesellschaften bald nach. Es stellte sich dabei schon bald heraus, wie wichtig eine spannende Wettkampfsituation für eine erfolgreiche Reportage war. Erste Reportagen von Fußballspielen übertrug die Westdeutsche Sendegesellschaft ab 1. November 1924.

Orientierungsplan für die Zuhörer der Live-Übertragung des Fußball-Länderspiels Deutschland - Holland am 18.04.1926 in Düsseldorf
Orientierungsplan für die Zuhörer der Live-Übertragung des Fußball-Länderspiels Deutschland - Holland am 18.4.1926 in Düsseldorf (abgedruckt in der Programmzeitschrift "Der Deutsche Rundfunk" 4.1926, H. 16, S. 1088)

Die Spannung des Spiels konnten in den Anfängen jedoch nur einige wenige Reporter vermitteln. Das neu entstehende Genre der Sportreportage stellte besondere Anforderungen an die Eloquenz und die Dynamik der Berichterstatter. Besonders Paul Laven (Frankfurt), Fritz Wenzel (Breslau) und Bernhard Ernst (Köln) gelang es, in ihren "Stegreifberichten", den Vorläufern der Live-Reportage, den Geist des jeweiligen Wettkampfes in die Wohnstuben zu übermitteln. Zur Unterstützung der Vorstellungskraft der Zuhörer wurden in den Anfängen, im Vorfeld der Fußballübertragung, "Orientierungspläne" in den Rundfunkzeitschriften veröffentlicht.

Diese in England entwickelten Schemata teilten das Spielfeld in Planquadrate ein, auf die in der Reportage verwiesen werden konnte. Die Nutzung dieser Pläne setzte sich in der Praxis jedoch nicht durch und wurde schon bald nicht mehr weiter vorangetrieben.
Immer mehr stellte sich heraus, dass die Sportreportagen im Wesentlichen von der journalistischen und sprachlichen Kunst der Reporter lebte.

Foto: Paul Laven kommentiert 1930 das Fußball-Länderspiel Deutschland - Italien in Frankfurt
Paul Laven kommentiert 1930 das Fußball-Länderspiel Deutschland - Italien in Frankfurt
(Foto: DRA / Schulte-Bäuminghaus)

In seinem Zeitschriftenkommentar "Funkreportage" wies Paul Laven, damals Sprecher bei der Frankfurter Sendegesellschaft, darauf hin, dass gerade die durch Sportreportagen geübten Reporter auch alle übrigen gesellschaftlichen Zusammenhänge lebendig in "Stegreifberichten" beschreiben können:

"Wenn einer einen Sportwettkampf lebendig machen kann, in all seinen Schattierungen der Stimmung, in der bunten Vielfalt seiner Figuren, wird er auch an anderer Stelle seinen Mann stehen. Er wird kraft seines Auges auch die Zusammenhänge in einem Eisenwerk aufdecken, kraft seiner Schilderungsgabe auch ein Zigeunerlager auffahren lassen, die Arbeitslosenkolonne auffangen, die vaterländische Feier in eine fesselnde Bildwirkung bringen."
(Zeitschrift "Die Sendung" vom Juli 1930, Nr. 52, 26.12.1930)

Paul Laven selbst gehörte zu einem Kreis von Reportern, die sich u.a. in zahlreichen Livereportagen einen Namen gemacht haben. Der vorliegende Ausschnitt seiner Reportage vom Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Italien (0:2) in Frankfurt a. M. am 2.3.1930 ist eine der ältesten im Deutschen Rundfunkarchiv vorliegenden Aufnahmen dieser Art und ein lebendiges Beispiel für die frühe Form der Sportberichterstattung.

Foto: Fußball-Länderspiel Deutschland - Italien am 2.3.1930 im Frankfurter Waldstadion
Fußball-Länderspiel Deutschland - Italien am 2.3.1930 im Frankfurter Waldstadion (0:2): Vor dem italienischen Tor
(Foto: DRA / Schröter, Leipzig)

Hörzitat (3'03'')
Schon ein kurzer Auszug aus der Livereportage macht dem heutigen Zuhörer klar, wie experimentell die Sportreportagen noch im Jahre 1930 auch nach fünfjähriger Entwicklung noch klangen.

An den heutigen Liveübertragungen der Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft wird man zum einen den enormen Zuwachs an Professionalität loben, zum anderen jedoch den aus heutiger Sicht amüsanten Pioniergeist der "ersten Stunden" vermissen.

 

(Georg Vorwerk)

 

Siehe auch:

Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik
Hrsg. von Joachim-Felix Leonhard.
München : dtv 1997. - 2 Bände, ca. 1300 Seiten.

Der Klang der zwanziger Jahre
Reden, Rezitationen, Reportagen 1920 bis 1930.
Eine Produktion des Deutschen Historischen Museums Berlin, des Instituts für Sprechwissenschaft und Phonetik der Universität Halle/S. und des Deutschen Rundfunkarchivs.

 

Stand: 9.6.2006

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 11.10.2006
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