Dokument des Monats Oktober 2006
Nur manchmal wird's politisch
Das Wetter im Hörfunk der DDR
Vor fünfzig Jahren, die DDR wird gerade sieben Jahre alt, ist die
Wetterlage in Deutschland sowohl in der Politik als auch in der Landwirtschaft
angespannt. Der Kalte Krieg und die beginnende Entstalinisierung im Osten
destabilisieren die politische Lage in Europa. Überschwemmungen
und Stürme behindern die Bauern bei der Ernte, der verregnete
Sommer lässt das Getreide verschimmeln.
Nach offizieller Berichterstattung der DDR-Medien fällt die Ernte
aber nur in Westdeutschland so deutlich ins Wasser.
Der DDR-Rundfunkkommentar
vom 10.10.1956 (gesendet am 17.10.1956) kritisiert die westliche "Bauernzeitung",
sie würde dem Wettergott die ganze Schuld an der schlechten Ernte
in die Schuhe schieben.
Die kollektive Landwirtschaft in der DDR hingegen geht mit der Wetterlage
anders um. Zwar hat es auch hier Stürme und Regen gegeben, die Ernte
aber wird gut eingebracht, auch wenn es bei der Kartoffelernte nötig
war,
einen Teil der Stadtbevölkerung zur Erntehilfe
zu gewinnen.
In der neuen Republik herrsche eben das
richtige politische Wetter,
das für alle Bauern Deutschlands Vorteile bringen kann.
Ein Beispiel, wie auch das Wetter politisch genutzt werden kann.
Ansonsten war das Thema Wetter im Hörfunk der DDR eher eine unpolitische
Sache. Anders als im Medium Fernsehen konnte es hier keine Diskussionen
um die Darstellung der Staatsgrenzen auf der Wetterkarte geben. Der Wetterbericht
wurde von der Zentralen Wetterdienststelle der DDR erstellt und zählte
zu den festen Bestandteilen der Nachrichtensendungen. Zahlreiche Wetterstationen
in den einzelnen Bezirken lieferten detaillierte Wetterinformationen aus
den unterschiedlichen Regionen. Mit Fernschreibern wurden die Daten übermittelt
und in Konferenzschaltungen mit den einzelnen regionalen Wetterdienststellen
verarbeitet.
Neben den regelmäßigen Wetterprognosen, Wasserstandsmeldungen
und dem Straßenzustandsbericht in den Wintermonaten gehörten
ab 1964 auch ausführliche "Wettergespräche" zwischen
dem jeweiligen Moderator und dem Dienst habenden Mitarbeiter des Meteorologischen
Dienstes zum Tagesprogramm. Später kamen Reisewetterberichte für
Reisende ins befreundete Ausland hinzu. Die Wettervorhersage war zudem
ein Programmelement, das von der allgegenwärtigen Medienzensur weitgehend
unberührt blieb.
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"Wetterpapst" Dr. Runge und Mitarbeiter in der Zentralen Wetterdienststelle
der DDR in Potsdam (1960)
Foto: Heinz Krüger (Bildarchiv DRA-Babelsberg) |
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Das Wetter auf dem Redaktionstisch im DDR-Fernsehen (1983)
Foto: Volker Hedemann (Bildarchiv DRA-Babelsberg) |
Thematisch wurde das Wetter außerdem in einer Vielzahl von humoristischen
und wissenschaftlichen Sendungen behandelt, in denen sich der Meteorologische
Dienst der DDR (heute Wetteramt Potsdam) u. a. mit Bauernregeln und Wettersprüchen
auseinanderzusetzen hatte und von seiner Arbeit berichten konnte.
Auch in Rundfunkarchiven wurde von Wetterberichten nie viel "Aufhebens"
gemacht. Deshalb sind unsere Hörzitate durchaus eine Rarität.
(Jürgen Molkow, Marcus Schulte)
Aufnahmen:
Hörzitat
1 (1'56''):
Aus der Sendung "Was hatten wir gestern so für’n Wetter?"
Radio DDR II am 06.11.1986 / DRA Babelsberg (ANR 2008281)
Hörzitat
2 (0'32''):
Wetterbericht aus der ersten Sendung von
"Stimme der DDR"
Stimme der DDR am 15.11.1971 / DRA Babelsberg (ANR DOK 0279)
Stand: 22.9.2006