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Das besondere Dokument - 2009/4

Von Berlin bis Hollywood – Ein Lebensweg im 20. Jahrhundert

Zum Nachlass des Komponisten Bert Reisfeld
 

Foto: Bert Reisfeld

Bert Reisfeld, vermutlich um 1930
Foto: Privatbesitz

Der Name Bert Reisfeld (eigentlich Berthold Reisfeld) ist heute kaum noch ein Begriff. Die Eckdaten seines Lebens – geboren am 12.12.1906 in Wien, gestorben am 11.6.1991 in Badenweiler – verraten wenig über die bewegte Zeit dazwischen, deren Stationen Berlin, Paris, New York und Los Angeles heißen. Die Liste ausgeübter Tätigkeiten ist ebenfalls eindrucksvoll: Der studierte Architekt schrieb Tanzschlager, Revue- und Operettennummern, "Evergreens" und Filmmusik, betätigte sich als Texter, Pianist und Sänger, Musikverleger, Kritiker und Filmjournalist.

Der Hinweis auf die Miturheberschaft an Mein kleiner grüner Kaktus – von den Comedian Harmonists popularisiert und bis heute weit verbreitet – ruft zustimmendes Nicken hervor. Darüber hinaus fließen Informationen zur Person eher spärlich und sind nicht immer verifizierbar, ein bei Vertretern von Unterhaltungsmusik oft anzutreffendes Problem. Und obwohl so bekannte Namen wie Frank Sinatra, Edith Piaf, The Browns oder zuletzt Björk (It’s oh so quiet) Titel interpretierten, an denen er mitwirkte, ist er weitgehend unbekannt. Nun wurde sein Nachlass dem Deutschen Rundfunkarchiv übergeben, eine kleine Sammlung eher zufällig überlieferter Dokumente, Briefe, Schriftstücke und Noten. Umfangreicher gestalten sich die Plattensammlung (fast ausschließlich Schellackplatten) und der Bestand an Fotografien, deren Aussagekraft zu nutzen ist.

Reisfelds Lebensweg weist zwei charakteristische, in Wechselwirkung stehende Angelpunkte auf: den eines anpassungsfähigen Schöpfers "leichter Musik" der 1930er-1950er Jahre und den eines 1933 aus dem Dritten Reich über Frankreich bis an die Westküste der USA vertriebenen jüdischen Musikschaffenden, der zum Broterwerb in Hollywood auf Filmjournalismus auswich. Nach dem Studium und Besuch des Konservatoriums in Wien zog es ihn 1928/29 nach Berlin, wo er sich vollständig der Musik zuwandte. Anfängliche Versuche als "ernster Komponist" scheiterten, doch bald stellten sich Erfolge im seit den 1920er Jahren boomenden Tanzschlager- und Revuebereich ein. Bis 1933 wirkte Reisfeld an Bühnen-Musicals und musikalischen Schwänken mit, zuletzt an der Komödie Mein Frisör, die 1933 aufgrund ihrer "nicht-arischen Autoren" verboten wurde. Neben zahlreichen Nummern entstand der bekannte Titel Sag mir Darling, dessen englischsprachige Fassung (Call me Darling) in den USA großen Erfolg haben sollte. Früh entstand der Kontakt zum zeitgleich aufkommenden Tonfilm, für den er 1930 erste Kompositionen schrieb. Bis 1933 wirkte er an über einem Dutzend Produktionen mit, in Filmen wie Strohwitwer (1931), Zwei glückliche Tage, Unheimliche Geschichten und Kiki (alle 1932) trällerte etwa Anny Ondra seine Melodien. Filmmusik waren hier vor allem Tonfilmschlager, weniger symphonische Filmmusik, und, wie viele "Hits" der 1930er Jahre, erfolgreich in wechselseitiger Verbreitung durch Filmproduktion, Tonträgerindustrie und Radio.

Etikett der Odeon-Schellackplatte von 'Ich bin so schüchtern Madame'

Etikett der Odeon-Schellackplatte von "Ich bin so schüchtern Madame"
Aufnahme vom 1. April 1931
Archivbestand DRA

Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.
Hörzitat 1 (3'14''): Ich bin so schüchtern Madame
Musik und Text: Bert Reisfeld
© Bosworth Music GmbH, Berlin

 

Der Titel gehört zu den wenigen, die vollständig von Reisfeld geschrieben wurden. Oft kam es zu einer Beteiligung mehrerer Personen, die wiederum häufig wechselten. Dadurch ist der Entstehungsprozess einzelner Titel nicht immer nachvollziehbar. Regelmäßig arbeitete er mit Rolf Marbot zusammen, daneben unter anderem mit Austin Egen, Kurt Lewinnek und Arthur Guttmann. Aufbau, Rhythmus und Text des Lieds sind typisch für den damaligen Tanzschlager. Zu hören ist Leo Frank, begleitet vom Tanz-Orchester Dajos Béla; Reisfeld selbst bevorzugte die Aufnahme mit Paul O’Montis, der 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.

Reisepass von Bert Reisfeld des Geburtslandes Österreich

Reisepass des Geburtslandes Österreich
Privatbesitz

Nachdem sich die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland stark eingeschränkt hatten, übersiedelte Reisfeld Mitte 1933 wie viele andere Kulturschaffende jüdischer Herkunft nach Paris, das zu einem Zentrum des Film- und Musikexils wurde. Dort gründete er zusammen mit dem später als Musikverleger erfolgreichen Rolf Marbot den Musikverlag Meridian, schrieb Filmpartituren, eine Operette, Revue-Musik für das Casino de Paris und die Folies Bergère sowie das in Skandinavien erfolgreiche Musical Flug ins Blaue. Durch den Verlag Meridian gelang es Reisfeld und Marbot, über eine von Fritz Reiter geleitete Vertriebsstelle in Breslau Musiktitel – unter geänderten Namen – weiter im Deutschen Reich herauszugeben. So führten die zu diesem Zeitpunkt aus politischen Gründen bereits umbesetzten Comedian Harmonists, die die populärsten Interpreten der Reisfeld/Marbot-Kompositionen in Deutschland waren, das jüdische Komponisten-Duo zur Umgehung der NS-Zensur ab 1934 unter den Pseudonymen Dorian/Herda. Der von Reisfeld geschriebene und im selben Jahr veröffentlichte Titel Lebewohl, gute Reise wurde unter dem "arischer" klingenden Namen Hanns Reimar veröffentlicht. Die Zusammenarbeit mit den Comedian Harmonists führte ebenfalls zu einer späteren Begebenheit im kalifornischen Exil: 1947 bat deren Mitglied Erich A. Collin Reisfeld, ihn bei den Arrangements für eine amerikanische Neuauflage der Truppe zu unterstützen. Reiters Vertriebsstelle in Breslau wurde angeblich nach einer Hetzkampagne im Deutschen Podium 1937 von der Gestapo aufgelöst, wodurch der Vertriebsweg ins Deutsche Reich ein Ende fand.

Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.
Hörzitat 2 (3'03''): Adieu c’est bien fini
Musik: A. Marcuse / B. Reisfeld
Originaltext: A. Mauprey
© by Les Nouvelles Editions Meridian, Paris
Für Deutschland: Edition Marbot GmbH, Hamburg

 

Die aus der Zeit in Frankreich überlieferten Platten zeigen eine deutliche Verschiebung weg vom in Berlin populären Tanzschlager hin zum klassischen Chanson. Es fand eine Anpassung an das Zufluchtsland statt, wobei eine Trennung derartiger Musikstile nicht überbetont werden sollte. Erfolgreichstes von Reisfeld/Marbot (Pseudonym: A. Marcuse) geschriebenes Chanson war Redis moi je t’aime, später auch von Katharina Valente gesungen.

Wie so viele bereits ins europäische Ausland Exilierte machte sich Reisfeld im Jahr des so genannten Anschlusses Österreichs ein weiteres Mal auf und emigrierte noch 1938 in die USA. Zur ersten Anlaufstelle wurde New York, wo er bis zum Jahr seiner Einbürgerung in die USA 1944 blieb. Dort gestaltete sich der Einstieg in eine neue Existenz einfacher als erwartet: Bereits zuvor hatten einige seiner Titel ihren Weg in die USA gefunden und so rannte er eigenen Angaben zufolge in dortigen Musikkreisen offene Türen ein. Er arbeitete als Arrangeur für Benny Goodman und Glenn Miller, komponierte populäre Songs wie You Rhyme With Everything That’s Beautiful und konnte 1939 den Titel Who told you I cared? in der Warner Brothers-Produktion Kid Nightingale unterbringen.

ID-Card der Hollywood Foreign Press Association
Letzte ID-Card über die Mitgliedschaft in der Hollywood Foreign Press Association
Privatbesitz

Schwieriger wurde die Situation nach der Übersiedelung ins Mekka der Film- und Musikemigration Los Angeles 1944, von der er sich wie so viele eine Existenzsicherung in der Filmbranche versprach. Zwar war er weiterhin vereinzelt als Komponist für Film und ab 1950 auch Fernsehen tätig, arbeitete mit Franz Waxmann und Dimitri Tiomkin zusammen, schrieb Texte für Erich Wolfgang Korngolds musikalische Komödie Die stumme Serenade und lieferte englische Dialoge für deutschsprachige Filme wie 1956 für Solange du da bist mit Maria Schell. Über derartige Hintergrundarbeiten hinaus gelang der erhoffte Durchbruch jedoch nicht, was auch der im Vergleich relativ späten Ankunft in Hollywood geschuldet sein dürfte. Um sich finanziell abzusichern, wich er auf Musik- und Filmjournalismus aus. Bald lag der inhaltliche Schwerpunkt auf Filmberichterstattung für die deutschsprachige Presse als Hollywood-Korrespondent für Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten von Filmecho/Filmwoche bis zum Bayerischen Rundfunk. Dank seines Engagements war er ab 1951 Präsident der Hollywood Foreign Press Association und ab 1972 deren Ehrenmitglied, außerdem Mitglied des Auswahlausschusses der Academy of Motion Picture für den Foreign Language Film Award und bis 1972 Verbindungsmann zur Berlinale. 1985 erhielt er das Filmband in Gold für "langjährige und hervorragende Verdienste um den deutschen Film".
Zahlreiche Fotografien, die Reisfeld im Kreise posierender Stars und Sternchen sowie europäischer Persönlichkeiten in Hollywood zeigen, zeugen ebenso wie das Adressbuch, in dem sich neben der Telefonnummer der Reinigung um die Ecke die Kontaktdaten von Fred Zinnemann, David O. Selznick, Charlton Heston und Joan Crawford finden, von einer Fähigkeit zur Netzwerkpflege.

Handgeschriebenes Arrangement zu 'To everything there is a season'
Handgeschriebenes Arrangement zu "To everything there is a season"
Privatbesitz

Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.
Hörzitat 3 (2'14''): To everything there is a season
Musik: Bert Reisfeld
Text: Louis Blaine
Privataufnahme, Nachlass Reisfeld

 

Weder die auf dieser wahrscheinlich Ende der 1940er Jahre entstandenen Demo-Aufzeichnung zu hörende Sängerin, noch die weitere Verwendung des Titels ist bekannt. Deutlich wird hier die Hinwendung zu einem melodischen Songwriting, das sich in vielen populären Filmmusiktiteln der 1950er Jahre finden lässt.

Viele der später veröffentlichten Titel sind Neuauflagen früherer Erfolge für den US-Markt oder Bearbeitungen deutsch- und französischsprachiger Stücke, so auch sein größter Erfolg, die englische Version des französischen Erfolgslieds Les Trois Cloches, die als The Three Bells Ella Fitzgerald und The Browns sangen. Diese Fähigkeit, erfolgreiches Liedgut für neue Kontexte wiederverwendbar zu machen, ist charakteristisch, weshalb es bei Betrachtung von Urheberschaften oft eines zweiten Blickes bedarf. Auffallend hinsichtlich der musikalischen Entwicklung Reisfelds ist außerdem seine Wandlungsfähigkeit. Hiervon zeugen nicht immer von Erfolg gekrönte Chansons, symphonische Filmmusik oder ein Demo-Zyklus US-patriotischer Country-Songs. Auch seine außermusikalische Laufbahn zeugt von Anpassungsfähigkeit und Pragmatismus.

Foto: Reisfeld mit Ehefrau Hildegard

Reisfeld mit Ehefrau Hildegard, geb. Grünhagen
Foto: Privatbesitz

Es entsteht das Bild eines so gewöhnlichen wie ungewöhnlichen Lebenswegs, das weniger Aufschluss über eine große Künstlerkarriere gibt als vielmehr über Handlungsspielräume eines sich am breiten Publikum orientierenden Musikschaffenden sowie Umgangsweisen mit der Flucht- und Emigrationserfahrung durch die NS-Herrschaft. In den 1950er Jahren kehrte das Ehepaar Reisfeld erstmals nach Deutschland zurück und pendelte von da an zwischen neuer und alter Heimat. Ein aufgezeichnetes Gespräch mit dem Ehepaar Schmidt-Boelcke macht deutlich, dass hier lebendige Kontakte bestanden. Während eines Kuraufenthalts im Schwarzwald starb Bert Reisfeld 1991.

 

Literatur:

Crawford, Dorothy Lamb: A Windfall of Musicians. Hitlers Émigrés and Exiles in Southern California, New Haven and London 2009
Czada, Peter und Große, Günter: Comedian Harmonists. Ein Vokalensemble erobert die Welt, Berlin 1998
Fetthauer, Sophie: Musikverlage im "Dritten Reich" und im Exil, Hamburg 2004
Krohn, Claus-Dieter u.a. (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945, Darmstadt 1998
Pass, Walter und Scheit, Gerhard: Orpheus im Exil. Die Vertreibung der österreichischen Musik von 1938 bis 1945, Wien 1995
Ulrich, Rudolf: Österreicher in Hollywood, Wien 2004
Wölfer, Jürgen und Löper, Roland: Das große Lexikon der Filmkomponisten, Berlin 2003

 

(Anna Pfitzenmaier)

 

Stand: 16.11.2009

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 08.08.2011
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