Direkt zum Inhalt springen. Alternativ zur Kopf-Navigation ist die Sitemap zu empfehlen
Bestände
Nutzung
Online-Dienste
Publikationen
Rundfunkgeschichte
Das DRA
Vor 1945 / BRD
DDR
Digitalisierte Bestände
Weitere Bestände
Tonaufnahmen
Bildarchiv
Schriftgut
Printmedien
Hörfunk
Geräusche
Fernsehen
Bildarchiv
Schriftgut
Printmedien
Schriftgut-Bestand des RIAS
Schriftgut-Bestand des SFB
Service
Findmittel
Benutzungsordnung
Audio/Hörfunk
Fernsehen
Bildarchiv
Schriftgut
Printmedien
Personen/Ereignisse
Hinweisdienste
Themenportal
Bestandsinfos
Register
Datenbanken
Termindienste
Das besondere Dokument
Spezial
Spezial multimedial
Archiv
Schwarzer Kanal
Fernseh-Krimis
Zuschauerforschung
Hörerforschung
ARD-Intern
ARD-Hörspiel-DB
ABC der ARD
Chronik der ARD
weitere Datenbanken
Personen
Ereignisse/Themen
Bücher
CDs
DVDs
Radio-Geschichte
Schriftsteller im Rundfunk
Bildergalerie
Ausstellung
Rundfunk vor 1933
O-Ton in der NS-Zeit
Schallaufzeichnung
Autorenregister:
A
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
P
Q
R
S
T
U
V
W
X
Y
Z
Suche
Rundfunk bis 1945
Rundfunktechnik
Plakate DDR-FS
Wimpel DDR-FS/HF
Aufgaben und Ziele
Chronik
Standorte
Kooperationspartner
Ausbildung und Jobs
Informationstechnologie
Redaktion ARD-Publikationen
ZSK
1950-1959
1960-1969
1970-1979
1980-1989
1990-1999
2000-2011
Deutscher Bundestag
DHM
Netzwerk Mediatheken
Verlage
Ausbildungsprojekte
Ausbildungsmöglichkeiten
Jobs
AKTUELLESTERMINE
| SUCHE | Links | FAQs | Newsmail | Kontakt | Sitemap | Siteinfo
 

Das besondere Dokument - 2011/1

Robert Schumann im Reichsrundfunk 1933-1945 - Blickpunkte

Lithographie: Robert Schumann, Wien 1839

Robert Schumann, Wien 1839
Lithographie von Joseph Kriehuber (1800-1876)
Quelle: Wikimedia Commons

In der Tonträgersammlung des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) sind derzeit ca. 250 zwischen 1933 und 1945 entstandene Schumann-Aufnahmen nachgewiesen, die von Sendern der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft mbH (RRG) stammen.

Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.
Hörzitat 1 (4'56''):
Ouvertüre zu Genoveva op. 81

Großes Orchester des Reichssenders Leipzig
Dirigent: Reinhold Merten
Aufnahmedatum: 13. Februar 1940
DRA F B015384738

 

Die beachtliche Zahl an überlieferten Aufnahmen erklärt sich unter anderem durch die Rezeptionsgeschichte Schumanns im "Dritten Reich". Denn ähnlich wie Beethoven und Wagner - ganz im Gegensatz zu den Komponisten jüdischer Herkunft wie Mendelssohn Bartholdy, Meyerbeer und Mahler - genoss Schumann in der NS-Zeit besondere Wertschätzung. Er gehörte zu den bevorzugten Komponisten, deren Werk als Nationalgut gepflegt wurde. Bezeichnungen wie "urdeutsch", "Herrenmenschentum", "Abbild der deutschen Volksseele" und "echtes deutsches Heroentum" wurden mit dem Romantiker Schumann in Verbindung gebracht. Die Musikpolitik des Nationalsozialismus, wie in totalitären Systemen nicht unüblich, versuchte, große Künstler zu vereinnahmen und durch ideologisierende Umdeutung ihrer Person und ihrer Werke eine Verwandtschaft mit der eigenen Ideenwelt herzustellen. Dies zeigt sich beispielsweise einerseits an Präferenzen bei der Auswahl einzelner Werke und andererseits an ideologischen Auffassungen des Gesamtwerks. So lautet eine auf Schumanns Liedkompositionen gemünzte, in der Berliner Rundfunkzeitschrift "Die Sendung" (Berlin, 26. Juli 1936) geäußerte Bemerkung, Schumann habe lange Zeit "die Volksmusik zugunsten der Instrumentalmusik vernachlässigt". Hier findet eine Gleichstellung der Begriffe Volksmusik und Kunstlied statt, und Schumanns Lieder werden so mit einem gewissen "völkischen" Anstrich belegt, auch ist in dem Zitat eine leichte Abwertung der Instrumentalmusik nicht zu überhören.

Foto: Etikett der RRG-Platte mit der Aufnahme von  Schumanns Genoveva-Ouvertüre

Etikett der RRG-Platte mit der Aufnahme von Schumanns Genoveva-Ouvertüre
Foto: DRA

Desgleichen versuchte man in der Musikwissenschaft jener Zeit, das Schumann-Bild im Interesse der Nazi-Ideologie umzugestalten. Ein Beispiel ist der Musikwissenschaftler Wolfgang Boetticher, der mit seinen zwei umfangreichen, 1941 und 1942 erschienenen Schumann-Publikationen bei der nationalsozialistischen Vereinnahmung des Komponisten sicherlich die wichtigste Rolle spielte. Boetticher ging in seiner ideologischen Verblendung sogar soweit, Briefe Schumanns an Mendelssohn Bartholdy zu verfälschen. Auch wurden Sachverhalte, die die Freundschaft zwischen Mendelssohn und Schumann sowie deren gegenseitige Wertschätzung betreffen, in seiner Ausgabe "Robert Schumann in seinen Schriften und Briefen" (1942) unter Berücksichtigung der nationalsozialistischen Weltanschauung "sorgfältig" gesiebt bzw. durch Verdrehungen oder Auslassungen entstellt. Aus derlei Tun entstanden "wissenschaftliche" Aussagen, die u.a. in das berüchtigte "Lexikon der Juden in der Musik", herausgegeben von Theo Stengel und Herbert Gerigk (1940/1943), Eingang fanden: "Auch Robert Schumann zählte keineswegs zu den bedingungslosen Bewunderern M’.s [Mendelssohns], wie lange geglaubt wurde. Aus den in der Neuen Ausgabe der Schriften und Briefe Schumanns durch W. Boetticher erstmalig veröffentlichten Tagebüchern und Briefen geht hervor, dass Schumann von Anfang an der Erscheinung M.’s kritisch gegenüber getreten ist."

Noch ein weiterer wesentlicher Punkt in Schumanns Biografie war für die Nazis und deren Kulturpolitik "retuschierungsbedürftig". Gemeint ist der "Fall Heine". So fällt auf, dass unter den Aufnahmen aus dieser Zeit ein sehr bedeutsamer Teil des Schumannschen Liedschaffens nahezu fehlt, nämlich die Heine-Vertonungen. Es war sicherlich kein Zufall, die intensive Auseinandersetzung des Komponisten mit der Dichtung des im "Drittem Reich" verhassten und verbannten Heinrich Heine auszublenden. Das Propagandaministerium ging sogar so weit, in einem Erlass zu verordnen, Heine-Texte, die von Schumann vertont worden waren, durch andere zu ersetzen. Umso erstaunlicher ist die aus dem Jahr 1944 überlieferte, von dem berühmten Bassbariton Hans Hotter und dem Pianisten Michael Raucheisen eingespielte Rundfunkaufnahme des Liedes aus dem Heine-Liederkreis op. 24 (1840) "Warte, warte wilder Schiffmann".

 
Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.

Hörzitat 2 (2'03''):
Warte, warte, wilder Schiffmann (6),
aus: Liederkreis op. 24

Hans Hotter (Bariton); Michael Raucheisen (Klavier)
Aufnahmedatum: 11. Mai 1944
DRA F B010945117

 

Hans Hotter (1909-2003), einer der herausragendsten Sänger des 20. Jahrhunderts, gehörte offensichtlich zu den Künstlern im "Dritten Reich", die auch ohne politische Aktivitäten und parteikonforme Haltung (er gehörte nicht der NSDAP an) ihre künstlerischen Wege gehen und große Erfolge feiern konnten. Es ist übrigens überliefert, dass Hotter 1933 als junger Sänger in einem Sketch Hitler imitierte und nur knapp seiner Verhaftung entging. Vielleicht spielte eine Rolle, dass der "Führer" zu seinen Bewunderern gehörte, der ja, wie bekannt, einen engagierten Kontakt zu Oper und Konzert pflegte.

Die Präsenz des Komponisten in der Programmgestaltung der Reichssender bezeugen Rundfunkzeitschriften. So bildete anlässlich der Sommerolympiade vom 1. bis 16. August 1936 der Reichsrundfunk einen sogenannten "Olympia-Weltsender", der über den Deutschlandsender und den Reichsender Berlin ganztägig Programme ausstrahlte, die oft auch reichsweit übernommen wurden. Wie in der Zeitschrift "Der Deutsche Rundfunk" zu sehen (Berlin, 26. Juli 1936), würdigte man am Mittwoch, dem 29. Juli, den 80. Todestag Schumanns gleich mit zwei Sendungen, und das, obwohl man bereits auf das große Staatsereignis "Olympische Spiele" ausgerichtet war. So brachte der Deutschlandsender nachmittags eine ganze "Robert-Schumann-Stunde" und abends der Reichssender Berlin eine halbstündige Sendung mit dem Titel "Zum Gedenken an Robert Schumann". Darüber hinaus wurden in einer von beiden Sendern gleichzeitig ausgestrahlten Schallplattensendung, "Konzert nach Mitternacht", auch Werke von Schumann dargeboten.

 
Programmhinweise aus der Zeitschrift 'Der Deutsche Rundfunk' - Klicken zum Vergrößern

Programmhinweise aus der Zeitschrift "Der Deutsche Rundfunk"
Berlin, 26. Juli - 1. August 1936, Jg. 14, Heft 30

 

Schumanns Musik wurde auch im Zusammenhang mit der musikalischen Gestaltung politischer Ereignisse in Rundfunksendungen benutzt. Als markantes Beispiel kann die um Mitternacht vom 8. zum 9. November 1935 ausgestrahlte Reportage dienen, die von einem für die Nationalsozialisten zentralen rituellen Ereignis berichtet: der "Feierlichen Überführung der Toten des Putsches vom 9. November 1923 in die Münchner Feldherrnhalle". Als Einleitung der um 23.30 Uhr beginnenden Übertragung "Die Aufbahrung zum 9. November. Ein Bericht der Reichssendeleitung von den Gräbern der Gefallenen, der Gedenkstunde im historischem Bürgerbräukeller und der mitternächtlichen Weihe in der Feldherrnhalle München" erklang der Beginn der 4. Sinfonie von Schumann. Und während des feierlich inszenierten Marsches der SA- und SS-Kolonnen zur Feldherrnhalle wurde der 2. Satz (ein Trauermarsch in a-Moll) aus der 7. Sinfonie Beethovens intoniert.

Ein brisantes Kapitel in der Rezeptionsgeschichte Schumanns stellt das Violinkonzert d-Moll WoO 1 dar - ein bis heute kontrovers beurteiltes Werk. Es war die letzte konzertante Komposition Schumanns. Geschrieben hatte er sie für den Geiger Joseph Joachim im September/Oktober 1853. Allerdings kam aufgrund weitverbreiteter Skepsis dem Spätwerk Schumanns gegenüber eine Veröffentlichung erst 84 Jahre nach der Entstehung zustande. Denn man war, auch im näheren Umfeld Schumanns, darunter insbesondere Clara Schumann zusammen mit Joseph Joachim und Johannes Brahms, der Meinung, dass das Werk für eine Veröffentlichung nicht geeignet sei. Man hegte die Befürchtung, es weise Spuren der kurz nach dem Abschluss des Werks ausgebrochenen psychischen Krankheit des Komponisten auf.

Nach einer sehr verwickelten Vorgeschichte folgte schließlich 1937 doch die Veröffentlichung und kurz danach die Uraufführung. Für sie hatte der Schott-Verlag ursprünglich den jungen amerikanischen Geiger Yehudi Menuhin vorgesehen. Die nationalsozialistischen Kulturverantwortlichen lehnten allerdings eine Auslandsuraufführung, noch dazu mit einem jüdischen Geiger, ab. In ihrer Absicht lag, das Werk im Reich uraufzuführen, und zwar als "Welturaufführung". Diese fand am 26. November 1937 im Rahmen der 4. Jahrestagung der Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" in Berlin im Deutschen Opernhaus statt. Der Solist war Georg Kulenkampff, begleitet von den Berliner Philharmonikern unter Karl Böhm. Nebenbei bemerkt, es wurde verschwiegen, dass der Violinpart von dem bereits zur persona non grata erklärten Paul Hindemith eingerichtet worden war.

 
Vorankündigung in der Zeitschrift 'Der Deutsche Rundfunk'

Vorankündigung in der Zeitschrift "Der Deutsche Rundfunk", Berlin, 21.-27. November 1937, Jg. 15, Heft 47

 

Der nationalsozialistische Festakt wurde vom Deutschlandsender um 12.00 Uhr als "Reichssendung", also als reichsweite Übertragung aller Reichsender, ausgestrahlt. Angeschlossen waren überdies Rundfunkgesellschaften in Italien, Österreich, Jugoslawien, Holland, Polen, Schweiz, Ägypten, Australien, Japan, Uruguay und Teneriffa.

Zur Übertragung der besagten "Welturaufführung" befindet sich im Bestand des Deutschen Rundfunkarchivs ein nur unvollständig erhalten gebliebenes Tondokument. Es enthält lediglich die Ansprachen von Robert Ley, dem Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF), und des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels, als dem Präsidenten der Reichskulturkammer. Goebbels dankt in seiner Rede dem anwesenden Hitler und deklamiert: "Voll Verehrung blicken wir nun alle in dieser Stunde auf Sie, mein Führer, der Sie in der Kunst nicht eine lästige Repräsentationspflicht sehen, sondern eine heilige Mission und hehre Verpflichtung, die letzte und gewaltigste Dokumentation des menschlichen Lebens. Sie kennen die Kunst und Sie lieben die Kunst. […] Mit heißem Herzen verfolgen Sie den Weg der deutschen Kunst in unserer Zeit. Sie weisen ihr Richtung und Ziel als ihr begnadetster Sinngeber. [...] Halten Sie auch in Zukunft Ihre schirmende Hand über deutsche Kunst und deutsche Art". Anschließend folgte die Übertragung der Uraufführung des Violinkonzertes, die leider nicht überliefert ist. Erhalten geblieben ist nur die An- und Absage des Konzertes. Den Abschluss der Veranstaltung bildete das Deutschlandlied, das ebenfalls nur als Fragment vorhanden ist. Trotz der Unvollständigkeit übermittelt das Tondokument durchaus einen Eindruck von der Atmosphäre und dem Rahmen, in dem dieses Uraufführungsereignis stattfand.

Wie zu sehen, spielte für die Verbreitung des Werkes insbesondere der Reichsrundfunk eine entscheidende Rolle. Aber auch andere Medien, wie die Presse, taten das Ihre. So schrieb das "Berliner Tageblatt" nach der Uraufführung: "Dieses Konzert wird in kurzer Frist Repertoirestück aller Geiger der Welt werden". Hinter solchen überschwänglichen Beurteilungen und stark instrumentalisierender Propaganda, vor und nach der Uraufführung, steckte vor allem der Zweck, das populäre Violinkonzert des "Juden Mendelssohn" zu ersetzen. In diesem Sinne verstehen sich auch die Aussagen Goebbels’, geäußert in der oben erwähnten Festveranstaltung: "Wir haben die Juden beseitigt und Führung und Repräsentanz des deutschen Geisteslebens der Nation und der Welt gegenüber wieder in deutsche Hände gelegt. [... Wir haben] seit 1933 annährend 3000 Juden aus dem deutschen Kulturleben entfernt, gleichzeitig aber auch die leer gewordenen Stellen mit Deutschen besetzt. [... Auf] keiner Bühne tritt heute mehr ein Jude auf und trotzdem spielen die Theater und sie sind überfüllt wie nie". Während nach der Uraufführung in Deutschland die Reaktionen auf das Violinkonzert vorherrschend positiv waren, fielen die Meinungen im Ausland differenziert, eher kritisch aus, was wahrscheinlich auch mit den nationalsozialistischen Rahmenbedingungen der Uraufführungsgeschichte zu erklären ist.

Das Schumannsche Werk ist ein Beispiel dafür, wie Musik von totalitären Regimes ideologisch benutzt und missbraucht werden kann. Ein Glück ist, dass sie jedoch auch in der Lage ist, sich davon zu befreien. Denn große Kunstwerke haben meist einen längeren Atem als jede Diktatur.

 

Literatur

Michael H. Kater, Die mißbrauchte Muse. Musiker im Dritten Reich, München 2000

Helmut Loos, Schumann-Rezeption im "Dritten Reich", in: Musik in Diktaturen des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Michaela G. Grochulski, Oliver Kautny, Helmke Jan Keden, Musik im Metrum der Macht, Band 3, Mainz 2006

Pamela M. Potter, Die deutscheste der Künste. Musikwissenschaft und Gesellschaft von der Weimarer Republik bis zum Ende des Dritten Reichs, Stuttgart 2000

Michael Struck, Schumann. Violinkonzert d-Moll (WoO 23), München 1988

Thomas Synofzik, Heinrich Heine - Robert Schumann. Musik und Ironie, Köln 2006

Willem de Vries, Kunstraub im Westen 1940-1945. Alfred Rosenberg und der
 "Sonderstab Musik", Frankfurt am Main 2000

 

(Narine Kirchner)

 

Stand: 18.04.2011

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 27.04.2011
DATENSCHUTZ | IMPRESSUM |  nach oben