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Das besondere Dokument - 2011/2

Von der "Aktuellen Ätherwelle" zum "Sender Freies Baldrian":
Ein Mitschnitt aus dem DDR-Hörfunk im Sommer 1961

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus

2 Stunden, 41 Minuten und 57 Sekunden lang ist unser aktuelles "besonderes Dokument" – genau so viele Sendeminuten hat im Sommer 1961 Heinz-Jürgen Gutjahr, damals Redakteur des Senders Freies Berlin, aus diversen Sendungen des Rundfunks der DDR mitgeschnitten und damit ein eindrucksvolles akustisches Zeugnis aus den Tagen des Mauerbaus 1961 angefertigt. Mal blieb die Aufnahmetaste während ganzer Sendungen gedrückt – so beim zwanzigminütigen Funkkabarett "Die Aktuelle Ätherwelle" vom 19. August 1961 oder während des halbstündigen englischsprachigen Programms "OPS Berlin" vom 09. September 1961, das sich gezielt und unverdeckt an die in West-Berlin stationierten US-amerikanischen GIs wandte. Mal wurde sie nur für wenige Minuten betätigt, was das Sammelsurium von kurzen Ausschnitten aus Moderationen des Rundfunks der DDR am Ende des Dokuments belegt. Das Herzstück des Mitschnitts bildet ein über anderthalbstündiger Ausschnitt aus einem "Grußkonzert für die Angehörigen der bewaffneten Streitkräfte der DDR" des Nachtprogramms des Berliner Rundfunks.

Plakat vom "Berliner Rundfunk" und "Deutschlandsender"

Plakat vom "Berliner Rundfunk" und "Deutschlandsender" am Gebäude des Haus des Rundfunks, Berlin,
Masurenallee 1948
Foto: DRA/Herrmann, Werner

Einen alles andere  als direkten Weg hat das Dokument nun in die  Bestände des DRA Babelsberg geführt. Erst nach fast 50 Jahren, im Herbst 2010, ist es in unsere Bestände gelangt: aus dem Nachlass eben jenes Redakteurs, der für die West-Berliner Rundfunkanstalt Sender Freies Berlin tätig war. Und wer sich nun fragt, warum ein SFB-Redakteur Interesse an Sendungen aus dem Rundfunk der DDR hatte und diese mitschnitt, ist schon mittendrin in der Geschichte des Dokuments.

Teil des Kalten Krieges zwischen den Westmächten und dem Ostblock war auch die gegenseitige Beobachtung der Medien. Das Mitschneiden von Rundfunkprogrammen des "Feindes" war besonders nach der Schließung der Grenzen und dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 gängige Praxis. Und das nicht ohne Grund: Über das Medium Radio wurden ideologische Schaukämpfe ausgetragen; die Antagonisten nutzten es gezielt als Plattform, um ihre Überzeugungen unters Volk zu bringen, die Menschen für die "richtige Sache" zu begeistern und den Gegner bloßzustellen.

Zu welch unterschiedlichen Rundfunk-Propagandamitteln auf Seiten des DDR-Hörfunks zum Stichdatum "13. August 1961" gegriffen wurde, zeigt der überlieferte Mitschnitt in einmaliger Weise.
 

"Hier spricht: Die Aktuelle Ätherwelle…" – Angriffe mit Satire und Witz

Der Zusammenschnitt beginnt mit einer vollständigen Aufzeichnung der Satiresendung "Die Aktuelle Ätherwelle" vom 19. August 1961. Der Deutschlandsender hatte dieses politische "Funkkabarett" mit Satire und Chansons von Juni 1954 bis November 1971 wöchentlich im Programm und richtete damit nach eigener Aussage "satirische Spitzen und Pfeilen gegen das Reaktionäre, das sich dem gesellschaftlichen Fortschritt entgegenstellt" (Rundfunkjournal aktuell, 27/1966). Das Objekt der Angriffe ist klar umrissen: "Mit den Mitteln der Glosse und Satire wird hier Adenauers amerikanische 'Politik der Stärke' demaskiert, um bloßzulegen, was dahinter steckt: Schwäche – Auswegslosigkeit – Furcht vor der Aktion der Volksmassen" (Unser Rundfunk, 24/1954). Unter diesem Motto stand die erste Sendung nach dem Mauerbau am 13. August 1961: Begonnen wird mit einer Satire auf die BILD-Zeitung, indem das originale Horoskop der Ausgabe vom Samstag, dem 12. August 1961, also vom Tag vor dem Mauerbau, zitiert und im Hinblick auf die tatsächlichen Ereignisse des 13. Augustes 1961 hämisch umgedeutet wird. Jeder BILD-Vorhersage wird ein kommentierendes Lied des Hauskomponisten Siegfried Schäfer nachgestellt:

 
Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.

Hörzitat 1 (0'43''): Ausschnitt aus der Satiresendung "Die Aktuelle Ätherwelle"
Beginn des Programmteils "Das BILD-Horoskop - Der astrologische Wegweiser für den 12. und 13. August 1961" mit einem Lied über die "Schieberei"  (Musik: Siegfried Schäfer; Text: Hans Georg Herde)
Aufnahemdatum: August 1961 (Sendedatum: 19.08.1961)
Gesamtlänge: 19'26"
DRA B B016187988

 
Foto: Das Autorenkollektiv der "Aktuellen Ätherwelle"

Das Autorenkollektiv der "Aktuellen Ätherwelle", 1957. Hans-Georg Herde, Eckehard Dölle, Andreas Anden, Karl-Heinz Külkens (v.l.n.r.)
Foto: DRA/Schadewald, Heinz

In den Tagen nach dem Mauerbau versucht die Propaganda, die "Grenzsicherung" zu rechtfertigen und hüllt die Argumente in ein humoristisch-sarkastisches Gewand: Das nun endlich erreichte Ende der "Schieberei", also des Schwarzmarkthandels, der dem Westen vorgehalten wird,  der angeblich ausbeuterischen "Wechselstübchen", in denen "Schwindelkurse" angesetzt würden, und des "Menschenhandels", wie er der BRD vorgeworfen wird.  Getreu dem Motto "Kunst ist Waffe" von Friedrich Wolf wird so der Rundfunk zu Propagandazwecken instrumentalisiert.

"Ihr wacht für uns – wir senden für euch!" – Das Nachtprogramm mit Grußkonzert

Nur 18 Minuten, nachdem in der Nacht vom 19. auf den 20. August 1961 die "Aktuelle Ätherwelle" auf dem Deutschlandsender zu Ende ging, begann um 00.07 Uhr das "Große Grußkonzert für die Angehörigen der bewaffneten Kräfte" im Berliner Rundfunk und bei der Berliner Welle. Der zweite Teil unseres "besonderen Dokuments" besteht aus 96 Minuten von insgesamt mehreren Stunden, die diese Nachtsendung dauerte. Das Format des "Wunschkonzertes" bzw. "Grußkonzertes" wurde nach dem Beginn des Mauerbaus kurzfristig ins Nachtprogramm des Berliner Rundfunks und der Berliner Welle aufgenommen. Unter dem Motto "Ihr wacht für uns – wir senden für euch" gab es eine bunte Mischung aus populärer Unterhaltungsmusik, dem Verlesen von Grüßen, von Politsatire und politischen Liedern. Adressat waren zum einen die in der Nacht arbeitenden Kampftruppen der DDR und die Volks- sowie Grenzpolizisten, die so für ihren Einsatz belohnt, gewürdigt und aufgemuntert werden sollten. Zum anderen richtete sich die Sendung auch an die Bevölkerung, die auf die Geschehnisse und den "Einsatz für das Volk" aufmerksam gemacht und dafür begeistert werden sollte. Das Wunschkonzert als Bestandteil einer Propagandamaschinerie war übrigens nicht ohne Vorbild – schon die Nationalsozialisten bedienten sich dieses Mittels: während des Zweiten Weltkrieges war das "Wunschkonzert für die Wehrmacht" zweimal wöchentlich zu hören.

Eingerahmt von seichten Schlagerklängen wird, wie in unserem Dokument zu hören, die angeblich unter den DDR-Grenzposten verbreitete euphorische Stimmung im Rundfunk weitergetragen: Gut gelaunte Rundfunksprecher verlesen freudige Grüße mit durchweg positivem Unterton. Die ernste Situation an der Sektorengrenze wird verharmlost und der Polizei- und Armeealltag beschönigt.

 
Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.

Hörzitat 2 (0'46''): Ausschnitt aus dem Grußkonzert für die Angehörigen der bewaffneten Streitkräfte
Satirische Grüße einer Diensteinheit des Ministeriums für Staatssicherheit an "alle Agenten und Spitzel der westlichen Geheimdienste"
Aufnahmedatum: 20.08.1961
Gesamtlänge: 97'06"
DRA B B016188097

 

Man war sich bewusst, dass das eigene Programm auch für westliche Medien und Regierungsvertreter interessant war; durch die konkrete Ansprache des "Gegners" versuchte man diesen lächerlich zu machen und suggerierte die eigene Überlegenheit. In der Zeitschrift "FF dabei" des Staatsrundfunks der DDR wird schon im September 1961 über die "ohnmächtige Wut der Störenfriede darüber, daß der demokratische Rundfunk schnell und schlagfertig auf politische Tagesereignisse reagiert", berichtet.
 

OPS Berlin – "The real voice of information and education"

Im August 1961 wurde vom Auslandssender der DDR, Radio Berlin International (RBI), die Sondersendung "Out-Post Station", kurz OPS, ins Leben gerufen: "Nachrichten für US-Soldaten, kurze pointierte Beiträge und viel heiße amerikanische Musik", erinnert sich Heinz Odermann, Mitglied der Sendeleitung von RBI, in einem Interview aus dem Jahr 1996. "Es sollte versucht werden, auf die amerikanische Truppen in Westberlin Einfluß zu nehmen. […] Programminhalte waren Nachrichten, die für einen amerikanischen Soldaten von Bedeutung sein konnten: Einseitig zusammengestellte Informationen über die Schwäche des amerikanischen Bündnissystems in der Welt, also Nachrichten, die das Vertrauen des Soldaten in seine Führung schwächen sollten."

Logo "Radio Berlin International"

Logo "Radio Berlin International"
Foto: DRA / N. N.

Ein 30minütiger Sendungsmitschnitt aus der Nacht vom 09. zum 10. September 1961 ist im dritten Teil unseres "besonderen Dokuments" überliefert. Darin verliest ein anonym bleibender Moderator zwischen Jazz- und Bluesnummern aufwiegelnde Nachrichten, zum Beispiel über amerikanische Offiziere, die an ihrem Potsdamer Einsatzort angeblich Luxusgüter zusammenklauben. Oder er gibt Veranstaltungshinweise wie etwa auf die West-Berliner "Police Show" im Olympiastadion: "I'll bet that you get to see more SS-troupers there than you ever saw in your life".

"In diesem Sinne, guten Mitschnitt denn auch!" – Berliner Rundfunk gegen Sender Freies Berlin

Der letzte Teil des Dokuments ist ein buntes Sammelsurium aus Seitenhieben, die die Moderatoren des Rundfunks der DDR den Kollegen in West-Berlin versetzen. Die Fragmente stammen vermutlich größtenteils aus dem Nachtprogramm des Berliner Rundfunks, welches nach dem Mauerbau sechs Wochen lang im Programm blieb. Kurze Satiren bezeugen die Duelle, die über den Äther ausgetragen wurden: Das in diesen Tagen regelmäßig im Rundfunk der DDR gesendete "Credo des Willy Brandt" beginnt mit den Worten "Ich glaube an die Unanfassbarkeit des Stacheldrahts" und ist eine Parodie auf den Schwur, der zur Stiftung der Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus von den Amerikanern unterzeichnet wurde und der im Original regelmäßig bei RIAS zu hören war.

Gängige Praxis war es auch, Mitschnitte aus dem SFB-Programm zu senden und mit parodistischen bis sarkastischen Ansagen zu kommentieren. Absurder Höhepunkt dieser gegenseitigen Überwachung und Karikatur, ja, des übersteigerten Wettbewerbs um die noch treffendere Pointe, ist ein Mitschnittfragment aus den letzten Minuten unseres "besonderen Dokuments": Regelmäßig war im Nachtprogramm des Berliner Rundfunks die SFB-Nachrichtensatire "Sender Freies Baldrian" zu hören. Diese wurde vom SFB mitgeschnitten und zur Verunglimpfung der DDR in dessen Programm gesendet – was wiederum der Berliner Rundfunk zum Anlass nahm, diese SFB-Mitschnitte mitzuschneiden und mit den entsprechenden Kommentaren versehen selbst wieder ins Programm zu nehmen.

 
Hier sollte ein MP3-Player als Flash-Objekt erscheinen.

Hörzitat 3 (1'46''): Ausschnitt aus der Nachrichten-Satire "Sender Freies Baldrian" des Berliner Rundfunks
Die vom Berliner Rundfunk produzierte Satiresendung persifliert den "Sender Freies Berlin". Der Ausschnitt dokumentiert einen Kommentar des Moderators des Berliner Rundfunks, der sich ironisch an die Redakteure vom "Sender Freies Berlin" wendet, sowie einen Teil der Satiresendung.
Aufnahmedatum unbekannt (Sendedatum: August oder September 1961)
Gesamtlänge: 10'44"
DRA B B016188212

 


 

Dieses besondere Dokument gelangte aus dem Nachlass von Heinz-Jürgen Gutjahr, einem ehemaligen Redakteur des SFB, über den RBB in unsere Bestände.

Weitere Angebote des DRA zum Thema "Mauerbau 1961":

Das Internetangebot des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) "Eine Woche im August… Der Mauerbau 1961 im Hörfunk und Fernsehen der DDR" bietet einen außergewöhnlichen Einblick in das Programm des Deutschen Fernsehfunks (DFF) und des Berliner Rundfunks in der DDR vom 13. bis 19. August 1961:

http://1961.dra.de

Literatur

http://www.kalter-krieg-im-radio.de/

Karl-Heinz Neumann, Heinz Blankenhorn: Mit dem Mikrofon dabei am 13. August 1961. Interview, in: Beiträge zur Geschichte des Rundfunks, Heft 3, 1981, S. 9 – 30.

Werner Stankoweit: "Zeigt Farbe, zeigt Herz, zeigt Haltung!" Bewährungsprobe Nonstop-Nachtprogramm im August 1961, in: Erinnerungen von Pionieren und Aktivisten des Rundfunks der DDR, Band 2, Berlin 1990, S. 137 – 145.

Hans Jörg Koch: Wunschkonzert. Unterhaltungsmusik und Propaganda im Rundfunk des Dritten Reiches, Graz 2006.

Klaus Fischer: Radio Berlin International – die Stimme des Friedens und des Sozialismus aus Berlin, in: Erinnerungen von Pionieren und Aktivisten des Rundfunks der DDR, Band 2, Berlin 1990, S. 146 – 153.

Claus-Dieter Röck: Radio Berlin International. Struktur und Entwicklung des Auslandsrundfunks der DDR, Magisterarbeit FU Berlin, 1996.

Heinz Odermann: Interview, in: Claus-Dieter Röck: Radio Berlin International. Struktur und Entwicklung des Auslandsrundfunks der DDR, Magisterarbeit FU Berlin, 1996.

Unser Rundfunk, Ausgaben: 24/1954, 44/1954, 48/1956, 2/1957, 35/1958.

FF – Funk und Fernsehen der DDR, Ausgaben: 38/1961, 45/1961, 7/1963, 20/1964, 29/1964, 20/1969.

Rundfunk-Journal, Ausgaben: 17/1964, 27/1966.

 

(Karin Pfundstein)

 

Stand: 11.08.2011

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 11.08.2011
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