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O-Ton im Nationalsozialismus

Für das NS-Regime war der Rundfunk als Propaganda-Instrument von besonderer Bedeutung. Mit der Aufzeichnung und Archivierung von O-Tönen wollten die Nationalsozialisten darüber hinaus aber zugleich das Bild beeinflussen, das sich künftige Generationen vom "Dritten Reich" machen sollten. Diesen besonderen Aspekt hat Muriel Favre in dem folgenden Aufsatz untersucht und dargestellt.
 

 

Goebbels’ »phantastische Vorstellung«
Sinn und Zweck des O-Tons im Nationalsozialismus

Buchcover: Original/Ton

von Muriel Favre

aus:
Harun Maye, Cornelius Reiber, Nikolaus Wegmann (Hrsg.):
Original / Ton. Zur Medien-Geschichte des O-Tons.
Kommunikation audiovisuell, Bd. 34
UVK-Verlagsgesellschaft, Konstanz 2007
402 Seiten, mit Hörbeispielen auf CD
ISBN 978-3-89669-446-1
 


Wer wollte, konnte Anfang letzten Jahrhunderts in seinem Wohnzimmer die Niederschlagung des Herero-Aufstandes in Namibia im Jahre 1904 oder die Mobilmachung am 1. August 1914 (Hörbeispiel 1, 4'30")1 immer wieder miterleben. Dies ermöglichten auf Schallplatten aufgenommene »Hörbilder«, die nichts anderes waren als die szenische Rekonstruktion zeitgenössischer Begebenheiten im Studio. Man bekam eine akustische Vorstellung der Ereignisse, auf eine originale Wiedergabe musste man allerdings verzichten.2

Anders verhielt es sich mit dem in Deutschland 1923 gegründeten Rundfunk: Da in den Anfangsjahren keine Möglichkeit zur Aufzeichnung vorhanden war, wurden sämtliche Sendungen (bis auf einige Ausnahmen) live ausgestrahlt. Das Zeitgeschehen konnte im Rahmen von Direktübertragungen verfolgt werden, die aber sofort und unwiderruflich vergänglich waren.

Konkret führte die Live-Sendung zu vielfältigen Problemen: Fehler ließen sich nicht vermeiden, eine Produktion auf Vorrat war nicht möglich. Vor allem war das Programm von dem Geschehen abhängig, über das berichtet werden sollte. Verlief ein Ereignis anders als geplant, wurde von den Reportern Improvisation verlangt. So erzählt der Rundfunkpionier Alfred Braun in seinen Memoiren, wie er bei der mehrfach misslungenen Landung des Zeppelins LZ 127 in Berlin-Staaken im Mai 1929 die Geschichte eines Hasen erfand, der angeblich kreuz und quer über das Flugfeld lief; nur mit dieser Anekdote glaubte er, die Hörer am Empfangsapparat halten zu können.3

Die Einführung der Aufzeichnungstechnik und ihre Konsequenzen

Die Tonaufzeichnungstechnik wurde in den Funkhäusern nach einer zweijährigen Experimentierphase Ende Mai 1929 in Betrieb genommen. Die erste Aufnahme hielt – wahrscheinlich nicht zufällig – die Grundsteinlegung für das »Haus des Rundfunks« in Berlin-Charlottenburg fest (Hörbeispiel 2, 2'41").4

Zur Speicherung der Schallinformationen griff man zunächst auf zwei Tonträgerarten zurück: Zum einen auf Wachsplatten, die mehrmals abgeschliffen und neu verwendet werden konnten, zum anderen auf lange haltbare, nach einem aufwendigen Verfahren aus den Wachsplatten hergestellte Schellackplatten (auch »Schwarzplatten« genannt).5
Die Aufnahmetechnik eröffnete neue Wege im Produktions- und Sendebetrieb: Die Aufzeichnung der Proben von größeren musikalischen oder literarischen Veranstaltungen erlaubte Regisseuren und Mitwirkenden, vor der Sendung Korrekturen anzusetzen. Jegliche Reportage konnte zeitversetzt ausgestrahlt werden. Nicht zuletzt waren die Rundfunkleute nun in der Lage, ihre Berichte in Ruhe zu schneiden und zu redigieren.

Dennoch löste die Verwendung von Aufzeichnungen keineswegs Euphorie bei der Fachöffentlichkeit aus. Die zeitversetzte Ausstrahlung bei der aktuellen Berichterstattung wurde an den Pranger gestellt: Man merke den Berichterstattern an, »dass sie losgelöst von der Verantwortung einer wirklichen Aktualität [sprechen]. Sie [wissen], dass ihre Ansagen späterhin immer noch zu verbessern [sind]«, schrieb 1932 die Zeitschrift »Der Deutsche Rundfunk«.6 Der Rückgriff auf Tonträger – oder, wie leicht despektierlich gesagt wurde, auf »Tonkonserven« – zeuge lediglich von einer fehlenden Beweglichkeit seitens der Programmmacher.

Tatsächlich stritten Anhänger und Gegner der neuen Technik über das Wesen des Rundfunks. Folgt man Walter Benjamin, für den das »Hier und Jetzt« eines Kunstwerks den Begriff seiner Echtheit ausmacht,7 lässt sich vom Weimarer Rundfunk behaupten, dass er zwar kein »Hier«, wohl aber ein »Jetzt« aufwies. Für die Rundfunkkritik zeichnete ihn gerade diese Unmittelbarkeit vor allen anderen mechanischen Reproduktionsmitteln aus, sie war die Garantie für die Wahrhaftigkeit dessen, was gesendet wurde. Deswegen wurde die Einführung der Tonaufzeichnung als eine Entwicklung verstanden, durch die das Medium seine Authentizität verlieren würde.

 

Die Plattenaufzeichnung stellte nicht nur die Gleichzeitigkeit von Ereignis und radiophoner Wiedergabe in Frage, sie bereitete ebenfalls der Vergänglichkeit der Radiosendungen ein Ende. Durch sie fand der Rundfunk zu einem Gedächtnis. Als erste Sendegesellschaft legte die Berliner Funkstunde ihr Schallplattenarchiv am 1. Januar 1930 an, die anderen folgten ihr rasch nach. Alle Ereignisse politischer oder kultureller Art, die für wichtig gehalten wurden, wie die Trauerfeierlichkeiten für den Reichsaußenminister Gustav Stresemann im Oktober 1929 (Hörbeispiel 3, 4'30")8 oder die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Thomas Mann im Dezember desselben Jahres (Hörbeispiel 4, 0'49"),9 wurden parallel zur Ausstrahlung mitgeschnitten.

Die Wachs- und Schwarzplatten wurden in erster Linie zu Programmzwecken archiviert. Von Anfang an war der Bedarf an Originaltönen vorhanden, so wie ihn heute die Schallarchive der Rundfunkanstalten zu befriedigen suchen: Sollte eine Persönlichkeit sterben, so musste es möglich sein, dass »die unwiederbringlich gewordene Stimme (…) am Abend aufs Neue im Lautsprecher ertönt«.10 Außerdem entstand eine neue Sendungsform, der Schallplatten-Rückblick, der in einem gewissen Rhythmus die bedeutendsten Ereignisse der jüngsten Vergangenheit in Form von O-Tönen Revue passieren ließ. So folgten im ersten Rückblick der Berliner Sendegesellschaft im Dezember 1929 Ausschnitte aus den Reportagen von den Trauerfeierlichkeiten für Gustav Stresemann, der Grundsteinlegung der Kölner Universität und dem Sechstagerennen aufeinander.

Die Rundfunkkritik reagierte eher positiv auf diese Art von Aufzeichnungen, die nicht vor der Sendung erfolgten und infolgedessen den Live-Charakter des Rundfunks nicht beeinträchtigten. Sie wusste die Bereicherung des Programms, die die Benutzung von Archivmaterial mit sich brachte, zu schätzen. Gleichzeitig war sie sich des historischen Wertes der Tonaufnahmen bewusst. Sie erkannte in diesen eine Art nationales Kulturerbe, das es für die nachfolgenden Generationen zu hinterlassen galt. »Es wird möglich sein«, wurde 1930 konstatiert, »einmal unseren Kindern zu zeigen, wie der Nobel-Preis verteilt wurde, was Silvester 1930 geschah, wie die großen Dichter sprachen und die großen Dirigenten ihre Orchester leiteten.«11 Darüber hinaus wurde auf die bemerkenswerte Eigenschaft der Rundfunkaufnahmen hingewiesen, die vergangene Zeit lebendig festzuhalten bzw. deren Atmosphäre wachzurufen – eine Eigenschaft, die, nach der Meinung mancher Kritiker, ein viel besseres Verständnis der Geschichte als die Geschichtsbücher gestatte.12

Der Einsatz von O-Tönen im NS-Rundfunk

Kurz vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wurde in den Rundfunkbetrieben ein dritter Tonträger, die Schallfolie, eingeführt. Wegen der schweren Schneidetische mussten Wachsmitschnitte in einem Studio angefertigt werden, woraus folgte, dass bei Außenaufnahmen die Reporter immer auf das Vorhandensein von Kabelleitungen zwischen dem Aufnahmeort und dem Funkhaus angewiesen waren. Bei der Schallfolie hatte man es hingegen mit Aufnahmegeräten zu tun, die beweglich waren und in die Übertragungswagen eingebaut werden konnten. Dadurch konnten Berichte unabhängig vom Telefonnetz, von jeglicher Stelle des Sendegebiets her aufgezeichnet werden. Der Einsatz von Originaltonaufnahmen für das aktuelle Programm wurde in dem seit März 1933 unter der Aufsicht des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda stehenden Rundfunk nicht mehr hinterfragt, ganz im Gegenteil: Es wurde nun die Auffassung vertreten, dass nur auf diese Weise »das wirkliche Leben, blitzschnell und ohne lange Anmeldung dort erfasst, wo es am heißesten pulsiert«,13 zum Sprechen komme.

Reporter fuhren mit dem Übertragungswagen zu ihren Einsatzorten, nahmen Berichte oder Interviews auf, fuhren zurück ins Funkhaus, bearbeiteten die Beiträge und stellten schließlich im Studio, zuerst wöchentlich und dann täglich eine Sendung zusammen, die den Filmwochenschauen vergleichbar war. Sie hieß »Echo der Woche« bzw. »Echo des Tages« (Reichssender Berlin), »Umschau am Abend« (Reichssender Leipzig) oder auch »Aus dem Zeitgeschehen« (Deutschlandsender). (Hörbeispiel 5, 3'33")14

In der Geschichte der audiovisuellen Medien hat sich mehrfach gezeigt, dass die Reduzierung des technischen Aufwandes eine größere Authentizität des jeweiligen Mediums zur Folge hatte. Als Beispiel sei die um 1970 entstandene Gattung des Originalton-Hörspiels genannt, in dem dank des leicht zu bedienenden Tonbandgeräts eine nicht offizielle Sprache (die von bestimmten sozialen Gruppen) öffentlich gemacht wurde. Durch die Verbreitung der Schallfolie mag in der NS-Zeit der Rundfunk an Aktualität gewonnen haben, doch von Authentizität konnte kaum die Rede sein. Abgesehen davon, dass auf Anweisung des Propagandaministeriums die Wirklichkeit oft verfälscht wurde, führte das neue Aufnahmeverfahren eher dazu, dass nichts Unerwartetes bzw. Zweideutiges in den Äther ging. Es kam damit den Kontrollansprüchen des Regimes entgegen.

Auf der Live-Sendung beharrten die Nationalsozialisten in einem einzigen Fall, nämlich bei der Übertragung von offiziellen Veranstaltungen. Es konnte sich dabei entweder um vereinzelte Kundgebungen handeln, wie bei dem »Tag von Potsdam« am 21. März 1933, an dem anlässlich der Eröffnung des neu gewählten Reichstags die Versöhnung zwischen der »revolutionären« NS-Bewegung und den Traditionen des alten Preußen inszeniert wurde, oder um immer wiederkehrende Ereignisse wie die Reichstagssitzungen.15 Da die Veranstaltungen mit der höchsten Präzision vorbereitet wurden, verlief deren Übertragung in der Regel ohne Überraschung.

Die NS-Veranstaltungen zielten darauf, ein Gemeinschaftsgefühl nicht nur vor Ort, zwischen den aktiven Teilnehmern und den Zuschauern, sondern auch virtuell, zwischen den real Anwesenden und den Hörern zu erzeugen. Für die Propaganda war es von daher von Bedeutung, dass solche Versammlungen live, entweder zuhause oder im Rahmen von Gemeinschaftsempfängen, verfolgt werden konnten. Der dahinterstehende Gedanke, dass die Gleichzeitigkeit die persönliche Verbundenheit des Hörers mit dem Ereignis fördere bzw. eine Bedingung zum Miterleben sei, war bereits von der Weimarer Rundfunkkritik verteidigt worden, als die Vor- und Nachteile der Aufzeichnungstechnik zur Debatte standen. Wie viele andere Ideen wurde er von den Nationalsozialisten übernommen und in den Dienst der Volksgemeinschaftsideologie gestellt.

Zentralarchiv des Rundfunks, »Kommission zur Bewahrung von Zeitdokumenten« und Reichsschallarchiv

Die meisten Veranstaltungen wurden zu Archivierungszwecken aufgezeichnet, wobei anders als in der Weimarer Republik weniger auf den Gebrauchs-als auf den historischen Wert der Mitschnitte geachtet wurde. Laut Konrad von Brauchitsch, dem damaligen Leiter des Zentralarchivs des Rundfunks in Berlin, hatte dieses nämlich zwei Sammelschwerpunkte:

 

»…die Aufnahmen, die aus historischen und politischen Gründen gesammelt werden, ferner die Aufnahmen, die die Anforderungen der Sendepraxis befriedigen sollen. (…) Wir finden daher in unserem Archiv seit der Machtübernahme wohl alles, was auf diesem [historischen] Gebiete wichtig ist. Wir finden den Tag der Machtübernahme, den Tag von Potsdam (Hörbeispiel 6, 4'50")16 und alle die großen und unerhört wirksamen Reden unseres Führers im Reichstag (Hörbeispiel 7, 2'00")17 und bei anderen Ereignissen, der 1. Mai beider Jahre ist lückenlos vorhanden, ebenso die Parteitage in Nürnberg. Auch die wichtigen Veranstaltungen der SA, der SS, des Stahlhelms und der Hitlerjugend fehlen nicht.«18

Dass die Aufbewahrung von O-Tönen weit über die Bedürfnisse des Rundfunks hinausging, zeigte zudem eine Initiative von Goebbels. Am 29. Juni 1937 lud der Propagandaminister mehrere Vertreter des Archivwesens und des Kulturbereichs zu sich ein und kündigte ihnen an, dass er sie zu Mitgliedern einer »Kommission zur Bewahrung von Zeitdokumenten« ernenne. Die Bildung einer solchen Kommission begründete er damit, dass »Zeitdokumente«, ob Film, Schallplatte, Zeitung oder Fotografie, ein historisches Kulturgut darstellten, das dringend zu retten sei: »Sich vorzustellen, dass eine Rede Cäsars an seine Legionen im Tonfilm aufgenommen worden wäre und dass wir heute die Möglichkeit hätten, sie wieder mitzuerleben – das ist eine phantastische Vorstellung. Trotzdem hat diese phantastische Vorstellung einen Haken. Wenn wir nämlich glauben, dass in 100 oder 200 Jahren unsere Nachfahren ein so plastisches und unmittelbares Bild von unserer Zeit haben würden, weil ja alles, was wir heute erleben im Tonfilm oder auf der Platte vorläge, so ist das ein ganz großer Irrtum! In 100 oder 200 Jahren werden alle diese Dokumente, wenn wir weiter so leichtsinnig mit ihnen umgehen wie bisher, in Rauch und Asche übergegangen sein.«19

Die Kommission bestand aus sechs Sektionen (Graphische Arbeiten, Schallplatten und Rundfunk, Presse, Lichtbild, Film und Schrifttum), die sich mit den gleichen Fragen zu beschäftigen hatten: Was sind Zeitdokumente? Wo sollen sie gesammelt werden? Wie sollen sie konserviert werden? Für den Tonbereich wurde entschieden, dass alle zeitgeschichtlich wichtigen Dokumente seit der Erfindung der Tonaufzeichnung aufzubewahren seien, was sowohl Rundfunkaufnahmen als auch Aufnahmen aus anderen Einrichtungen, Industrietonträger und gar Privataufnahmen mit einschloss.
Teils wegen der Opposition der für Archivfragen zuständigen Ministerien (Reichsministerium des Innern, Auswärtiges Amt usw.), die nicht dazu bereit waren, Kompetenzen abzugeben, teils wegen der nach Einbruch des Zweiten Weltkrieges angespannten finanziellen Situation konnte die »Kommission zur Bewahrung von Zeitdokumenten« nur wenig Arbeitsergebnisse vorweisen. Eines davon war der Vorschlag zum Ausbau des schon existierenden Reichsfilmarchivs sowie zum Aufbau eines Reichsbild- und eines Reichsschallarchivs. Alle drei sollten unter dem Namen »Reichskulturarchive« dem Propagandaministerium direkt unterstellt werden.20

Das Reichsschallarchiv wurde durch einen Erlass von Goebbels im März 1939 ins Leben gerufen, führte allerdings wegen des Krieges ein Schattendasein. Auf dem Papier sollte es das Zentralarchiv des Rundfunks beinhalten, in Wirklichkeit verfügte es weder über eigenes Personal, noch über eigene Räumlichkeiten, noch über einen eigenen Bestand und wurde sogar 1942 wieder vom Zentralarchiv getrennt. Alles in allem scheint sich seine Tätigkeit darauf beschränkt zu haben, Teilbestände (z.B. die Hitler-Reden) separat zu erfassen bzw. von ihnen Sicherheitskopien herzustellen.

Ziel der Archivierung von O-Tönen in der NS-Zeit

Die machtpolitischen Aspekte von Goebbels’ Initiative zur Sammlung von zeitgeschichtlichen Dokumenten dürfen nicht unterschätzt werden: Sie war der Versuch, die Kontrolle über einen Teil des Archivwesens zu übernehmen.21 Es lassen sich dennoch weitere Beweggründe erkennen.

Den ersten Grund muss man in der Überzeugung der Nationalsozialisten sehen, an einem Epochenumbruch zu stehen, und in dem darausfolgenden Willen, diese »große Zeit« zu dokumentieren. Durch den Rundfunk, hieß es, könne jedermann an den historischen Geschehnissen der Gegenwart teilhaben; durch die Originaltonaufnahmen werde es dann den Nachfahren möglich sein, diese Geschehnisse nachzuerleben.

Die Archivierungspolitik beruhte ferner auf dem Wunsch, die nationalsozialistische Wert- und Weltordnung für die nächsten »Tausend Jahre« zu etablieren. »Wir müssen uns klar darüber sein«, betonte Goebbels am 29. Juni 1937, »dass es für die nationalsozialistische Lehre einen originellen Ursprung überhaupt nur im Führer gibt. Wenn der Führer einmal nicht mehr lebte, so würde diese originelle Ursprungsquelle versiegt sein. Die nachkommenden Geschlechter werden dann immer nur Ausdeuter sein können, Kirchenväter, die nicht selbst eine Lehre erfinden, sondern sie höchstens nur zu kommentieren in der Lage sind. (…) Je weniger nun an greifbarem Material vorhanden ist, umso mehr ist dann den späteren Kommentatoren die Möglichkeit gegeben, das nach eigenem Geschmack auszulegen.«22

Für den »Gottsucher« Goebbels, der in Hitler seine Heilserwartung erfüllt sah, sollten die O-Töne die Reden des »Führers« verewigen – was sie mit dem Wort Gottes gleichstellte. Gleichzeitig dürfte sich der ehemalige Geschichtsstudent der prinzipiellen Hinfälligkeit jedes geschichtlichen Gebildes bewusst gewesen sein. Deshalb sollten die Tonaufnahmen auch dazu beitragen, dass in der Zukunft gemäß der originalen Ideologie des Nationalsozialismus gehandelt werde.

Vor allem sollten die O-Töne für die Historiker archiviert werden. Dies drückte Konrad von Brauchitsch eindeutig aus, als er seinen Bericht über das Schallarchiv der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft mit der Bemerkung abschloss: »Die Schallaufnahme des gesamten deutschen Rundfunks schafft Dauerwerte, deren Nutznießer die Geschichtsschreiber späterer Generationen sind«.23

An sich war die Absicht zur Unterrichtung der Nachwelt bzw. künftiger Gelehrten kein charakteristisches Merkmal der Nationalsozialisten. Sie lässt sich in der Antike ebenso wie im Mittelalter nachweisen (damit der Sieg des Königs von Frankreich über den deutschen Kaiser 1214 in Bouvines niemals in Vergessenheit gerate, wurde einige Jahre danach beschlossen, dass in ein Tor der Stadt Arras ein Bericht darüber eingraviert werde24). Und Goethe, der um die Arbeiten besorgt war, die ihm kommende Philologen widmen würden, veranlasste noch zu Lebzeiten, dass sein Nachlass seinen Vorstellungen entsprechend geordnet wurde.25

Aus heutiger Sicht besteht die Eigenheit der NS-Zeit vielmehr darin, dass bei der Archivierung jegliches Bewusstsein für die Relativität der Maßstäbe fehlte. So sehr sich heutzutage Archivare bemühen, nach fest definierten Regeln Materialien aufzuheben oder auszusondern, ist ihnen jedoch klar, dass spätere Historiker ihre eigenen Fragestellungen haben und möglicherweise bestimmte, derzeit für unwichtig erachtete und daher nicht dokumentierte Informationen vermissen werden.26 Im Gegensatz dazu erhoben die Rundfunkarchivare von 1933 bis 1945 den Anspruch auf Absolutheit: »Unter bewusstem Verzicht auf alles Unwesentliche«, wurde behauptet, seien im Schallarchiv »die wirklich wichtigen Geschehnisse unverkürzt enthalten«.27

Hervorzuheben ist weiterhin die Tatsache, dass die Nationalsozialisten Tondokumente für archivwürdig hielten in der Annahme, dass es sich dabei um eine exakte Abbildung der Realität handle.28 Das maschinelle Aufnahmeverfahren suggerierte, dass die Wirklichkeit neutral und objektiv festgehalten werden könne; bei der Wiedergabe wurde postuliert, dass sie ohne Informationsverluste erfolge. Daraus schloss man, dass Schallplatten eindeutig zu interpretieren seien; sie abzuspielen solle ausreichen, um zu wissen, »wie es eigentlich gewesen [sei]«.

Durch die Archivierung von Rundfunkaufnahmen wurde demzufolge angestrebt, die künftige Geschichtsschreibung bereits von der eigenen Zeit her zu kontrollieren. Sinn und Zweck des O-Tons im Nationalsozialismus war es, die kommenden Historiker auf eine Geschichte des Dritten Reiches, die als die einzig mögliche betrachtet wurde, zu verpflichten.
Hiermit sind die Originaltonaufnahmen des NS-Rundfunks in Verbindung mit Goebbels’ Tagebüchern zu bringen, die den Versuch darstellen, die Geschichte des 20. Jahrhunderts durch die Augen des Propagandaministers sehen zu lassen. Sie liefern den Beweis, dass beim Umgang mit Tondokumenten, ob in der Geschichts- oder der Medienwissenschaft, eine besondere quellenkritische Sensibilität für die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Bestände erforderlich ist. Wird die Quellenkritik unterlassen, läuft die Analyse der Dokumente Gefahr, unvollständig bzw. fehlerhaft zu sein.



Anmerkungen

1 Die Mobilmachung am 1. August 1914, o.D. (Ausschnitt). Deutsches Rundfunkarchiv (DRA) Frankfurt am Main, B003851477.
2 Ich danke Walter Roller, dem ehemaligen Leiter des Referats »Wort« im Schallarchiv des Deutschen Rundfunkarchivs Frankfurt am Main, für die zahlreichen, immer anregenden Gespräche, die wir miteinander geführt haben. Ohne sie hätte dieser Text nicht geschrieben werden können.
3 Vgl. Alfred Braun: Achtung, Achtung, Hier ist Berlin! Aus der Geschichte des deutschen Rundfunks in Berlin 1923-1932. Berlin 1968. S. 13f.
4 Grundsteinlegung zum Haus des Rundfunks in Berlin-Charlottenburg, 29.5.1929 (Ausschnitt). Redner: Kurt Magnus. DRA Frankfurt am Main, B003854546.
5 Einen Überblick über die damalige Aufzeichnungstechnik bietet Karl Christian Führer, »Aufzeichnungstechnik: Wachs- und Schwarzplatten«. In Joachim-Felix Leonhard (Hrsg.): Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik. München 1997. S. 710f.
6 »Sport auf Schallplatten«, Der Deutsche Rundfunk, 1932, 39. S .9.
7 Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In ders.: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. Frankfurt am Main 2001 (27. Aufl.). S. 12.
8 Reportage von der Trauerfeierlichkeit in Berlin für den verstorbenen Außenminister Gustav Stresemann, 6.10.1929 (Ausschnitt). Reporter: Alfred Braun. DRA Frankfurt am Main, B003854549.
9 Reportage aus Stockholm von der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Thomas Mann, 10.12.1929. Reporter: Alfred Braun. DRA Frankfurt am Main, B003852129.
10 »Des Rundfunks vierte Dimension«, Werag, 1932, 46. S .5.
11 »Ein Funkarchiv für die Ewigkeit«, Der Deutsche Rundfunk, 1930, 30. S. 4.
12 Vgl. »Konservierte Geschichte«, Die Sendung, 1932, 49. S. 1055.
13 »Wochen-Querschnitt im Rundfunk«, Funk, 1934, 4. S. 63.
14 Reportage des Deutschlandsenders nach einem englischen Luftangriff auf Berlin, 10.10.1940 (Ausschnitt). Reporter unbekannt. DRA Frankfurt am Main, B004627788.
15 Im Zweiten Weltkrieg wurde allerdings aus Sicherheitsgründen auf Live-Übertragungen verzichtet.
16 »Tag der Nation« in der Potsdamer Garnisonkirche, 21.3.1933 (Ausschnitt). Reporter: Eberhard von Medem. DRA Frankfurt am Main, B004891084.
17 Reportage von der Eröffnung des Reichstages in der Berliner Krolloper, 12.12.1933 (Ausschnitt). Reporter: Carl Heinz Boese. DRA Frankfurt am Main, B004887177.
18 Konrad von Brauchitsch: Schallaufnahme und Schallarchiv der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft. In: Rufer und Hörer, 1934, 6/7. S. 296f.
19 »Rede des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels, gehalten anläßlich der Gründung der Kommission zur Bewahrung von Zeitdokumenten am 29. Juni 1937«, Bundesarchiv (BArch), R55/1241, Bl. 124.
20 Weder über die »Kommission zur Bewahrung von Zeitdokumenten« noch über die Reichskulturarchive sind detaillierte Darstellungen zu verzeichnen. Die vorliegenden Ausführungen basieren auf der Auswertung der im Bundesarchiv aufbewahrten Unterlagen (R55/ 1241, R55/1242 und R55/1247).
21 Vgl. Torsten Musial: Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933-1945. Potsdam 1996, insbesondere S.49ff.
22 »Rede des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels …«, BArch, R55/1241, Bl.125.
23 Brauchitsch: Schallaufnahme und Schallarchiv der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft. S. 298.
24 Vgl. Georges Duby: Der Sonntag von Bouvines 27. Juli 1214. Frankfurt am Main 1996. S. 11f.
25 Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Archiv des Dichters und Schriftstellers. In: Goethes Werke, hrsg. von Erich Trunz, Bd.X, Autobiographische Schriften II, München 1974. S. 532-534.
26 Vgl. dazu Aleida Assmann: Das Archiv und die neuen Medien des kulturellen Gedächtnisses. In: Georg Stanitzek, Wilhelm Voßkamp (Hrsg.): Schnittstelle: Medien und Kulturwissenschaften. Köln 2001. S. 268-281.
27 »Deutsche Geschichte seit der Machtübernahme auf Schallplatten«, Der Deutsche Sender, 1935, 21, S.8.
28 Vgl. u.a. Brauchitsch, S.298 sowie ders.: 140 000 Schallplatten griffbereit. Das Schallplattenarchiv des Deutschen Rundfunks. In Hans-Joachim Weinbrenner (Hrsg.): Handbuch des Deutschen Rundfunks 1939/40. Heidelberg u.a. 1939, S. 124-127.

 

Der Aufsatz als Druckfassung (65 KB)

 

Informationen zum Buch

 

Stand: 09. Oktober 2008

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 21.06.2017
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