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Vortrag von Prof. Dr. Dietrich Schwarzkopf

Foto: Dietrich Schwarzkopf
Prof. Dr. Dietrich Schwarzkopf
Foto: ARD/Wolfgang Groeger-Meier

Am 6. Oktober 2010 wurde Dietrich Schwarzkopf als Vorsitzender der Historischen Kommission der ARD verabschiedet. Dietrich Schwarzkopf hat dieses Amt 18 Jahre lang ausgefüllt, nachdem er zuvor bereits lange Jahre unter anderem beim NDR als Fernsehdirektor und stellvertretender Intendant, bei der ARD selbst als Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen und als Vizepräsident von Arte amtiert und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gedient hatte. Dietrich Schwarzkopf hat seine Verabschiedung für diesen Vortrag zum Anlass genommen.


 

Was will die ARD für ihr Publikum bedeuten?

In Sachen Mehrwert: Kontinuität und Wandel der Zielvorstellungen im Fernsehen

Die Rundfunkgesetze und -Staatsverträge der Bundesländer legen den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten fest. So wird in Paragraph 11 Abs. l des Rundfunkstaatsvertrags in der Fassung vom 1. April 2010 bestimmt, dass die Sendeanstalten "durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen" haben. Die Formulierung "Medium und Faktor" stammt aus dem Fernsehurteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 1961. Die Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung (das ist die offensichtlich wertende Reihenfolge) zu dienen. Dabei sind insbesondere auch Beiträge zur Kultur anzubieten.

Es ist Sache der Rundfunkanstalten, in diesem Rahmen und mit den ihnen zur Verfügung gestellten finanziellen Mitteln zu bestimmen, wie der Auftrag ausgeführt wird. Sie tun dies in Anwendung der von der Verfassung garantierten Rundfunkfreiheit, indem sie den tatsächlichen und den potenziellen Nutzern Programmangebote machen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk lebt davon, dass die Angebote in einem seine Existenz rechtfertigenden Umfang angenommen werden. Er ist wegen seines Publikums und für sein Publikum da.

 

Erzieherische Vorstellungen

Um seinen Auftrag wirksam erfüllen zu können, muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein Publikum gewinnen und halten. Zu diesem Zweck muss er dem Publikum verdeutlichen, welchen "Mehrwert" die Nutzung der öffentlich-rechtlichen Programme den Hörern und Zuschauern als individuelle Nutzer und als Mitglieder der Gesellschaft, als Bürger verschafft. Im Folgenden soll, konzentriert auf den Bereich des Fernsehens, darzustellen versucht werden, wie sich die ARD in den sechs Jahrzehnten ihres Bestehens bemüht hat klarzumachen, was Existenz und Nutzung ihrer Programme dem Publikum bringen. Zur Erinnerung: Die ARD feierte Mitte dieses Jahres ihr 60-jähriges Bestehen: Als Gründungszeitpunkt gelten der 9. und 10. Juni 1950, als die Intendanten der damaligen Landesrundfunkanstalten zusammenkamen, um auf einer Tagung in Bremen die "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland", kurz: ARD, zu gründen.

Verbreitet war lange die Vorstellung, das öffentlich-rechtliche Fernsehen verstehe sich als Erziehungsinstrument. Sie war sicherlich ein Nachklang der von den Besatzungsmächten betriebenen "Reeducation". Diese spielte sich vornehmlich in der Monopolzeit des Hörfunks ab. Im Medienbereich waren ihre Ziele – auf jeden Fall in der britischen und der amerikanischen Zone – die Vermittlung angelsächsischer Berufsmaßstäbe (Fairness, Trennung von Nachricht und Kommentar), die Entnazifizierung des Berufsstandes, die Ausbildung eines weltoffenen Nachwuchses sowie das Bemühen, dem Publikum die Orientierung in einer Welt zu ermöglichen, die ihm so lange nicht zugänglich gewesen war.

Bemerkenswerterweise musste der für die britische Zone zuständige Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) bereits 1948 feststellen, dass sich zwischen Rundfunk und Öffentlichkeit "geradezu eine Mauer von Missverständnissen und Unverständlichkeiten" aufgerichtet habe, die endlich abgetragen werden müsse. Zu diesem Zweck übernahm es die Rundfunkschule des NWDR, die sich bis dahin der Nachwuchsausbildung gewidmet hatte, Vertreter des öffentlichen Lebens, die selbst Mittler zur Öffentlichkeit seien, einzuladen und ihnen in freimütigen Gesprächen Aufgabe und Funktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu erläutern. Das geschah bis 1955, also bis in die Fernsehzeit hinein, in 114 "Spezialkursen". Auffällig war, dass der NWDR vor Beginn der Aktion nicht herauszufinden versucht hatte, worauf sich Misstrauen und Unverständnis der Öffentlichkeit bezogen. Zu vermuten ist, dass der NWDR einem ohne förmliche Untersuchung erkannten Eindruck von Abschottung und Geheimniskrämerei entgegentreten wollte.

 

Die Politisierung des Publikums

Mit dem Ergebnis der Aktion war der NWDR zufrieden. Dass die Rundfunkschule damit beauftragt worden war, legt die Annahme nahe, dass es sich im Verständnis der NWDR-Oberen um eine erzieherische Maßnahme handelte. Ein ähnlich groß angelegter Versuch zu systematischer Vertrauensbildung ist in der ARD nicht wieder unternommen worden.

Welche Rolle haben erzieherische Vorstellungen nach der Gründung der ARD im Jahre 1950 in ihrem Verhältnis zum Publikum gespielt? Welche Zielvorgaben wurden entwickelt? War bei diesen Zielvorgaben der Erziehungsfaktor von Bedeutung? In welchem Umfang zielten Bemühungen zur Verdeutlichung des "Mehrwerts" auf den Vorteil des individuellen Nutzers, in welchem auf den des Bürgers als Teil der Gesellschaft?

Die Eröffnungsansprache von Intendant Werner Pleister beim Start des regulären NWDR-Fernsehens am 25. Dezember 1952 klang nicht pädagogisch. Das Fernsehgerät werde ein "Fenster in die Welt" sein, sagte er, im Programm werde angeboten, "was das Leben schöner macht". Das Programm als "Fenster in die Welt" sollte vorrangig eine Orientierungsfunktion haben, das Gefühl der Abschottung überwinden, Demokratie in Aktion zeigen, ein "ziviles Fernweh" erzeugen. Die sich entwickelnde Auslandsberichterstattung übernahm diese Aufgabe und fand reges Interesse. Dokumentationsreihen wie "Auf der Suche nach Frieden und Sicherheit" wollten die Welt zeigen, "wie sie ist", in bewusster Abkehr von der Selektivität und dem steifen Pathos der herkömmlichen "Wochenschauen". Wenn man will, kann man diese Bestrebungen der Hamburger Dokumentation als pädagogisch werten. In bewusster Unterscheidung von den Hamburgern versuchte sich die Stuttgarter Schule der Dokumentaristen an einer Fernsehversion der "Spiegel"-Machart.

Ausgesprochen erzieherisch sollte die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und nicht zuletzt des Fernsehens nach Ansicht Adolf Grimmes sein, des ersten deutschen Generaldirektors des NWDR. Grimme, früherer preußischer und später niedersächsischer Kultusminister, ein ausgesprochener "Schulmann", sah im Rundfunk das "modernste Instrument der Menschenformung". Die politische Mission des Fernsehens sei die Gestaltung des öffentlichen Lebens, verbunden mit "Erziehung zum Qualitätsgefühl". Das Fernsehen als Instrument der Bildung zum Guten könne den Menschen besser machen. Grimme berief sich auf Goethe: Man müsse Gefühle erregen, die die Menschen haben sollen. Grimmes volksmissionarische Ideen waren freilich weit mehr Stoff seiner Reden als angewandte Leitlinien der Programmpolitik des NWDR.

In seinem Buch "Fenster zur Welt. Fünfzig Jahre Rundfunk in Norddeutschland" sah Heinz-Günter Deiters die Zeit nach dem Ende des NWDR – 1955 geschah die Teilung in den Westdeutschen und den Norddeutschen Rundfunk – gekennzeichnet durch die Formel "vom erzogenen zum informierten Hörer", was sicher auch für den Fernsehzuschauer gelten sollte. Sehr bald wurde jedoch im Fernsehen in unterschiedlichen Zusammenhängen, aber mit dem gleichen Tenor ein Bemühen deutlich, das Publikum zur Kritikfähigkeit und zu ausgeübter Kritik zu erziehen.

 

Gehorsam und die innere Rundfunkfreiheit

Joachim Fest, damals Fernsehchefredakteur des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und Moderator von "Panorama", das sich lange als das einzige kritische Fernsehmagazin der ARD empfand, betonte 1966 in seinem Vortrag auf den Tutzinger Medientagen, ihrem Ursprung und Wesen nach verhalte sich die öffentliche Meinung kritisch zu den Vorgängen in Staat und Gesellschaft. Die Funktion kritischer Magazinsendungen bestehe darin, "ein Bewusstsein zu fördern, dem Kritik als notwendige Voraussetzung einer vernünftigen Regelung der öffentlichen Angelegenheiten erscheint". Mit ähnlichem Ziel hatte sich 1963 Egon Monk geäußert, Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel des NDR, in dessen Bereich Fest zunächst gearbeitet hatte. Seine, Monks, Fernsehspiele sollten dazu beitragen, "an die Stelle des Glaubens an die Unfehlbarkeit staatlicher Ordnung die Kenntnis ihrer Fehlbarkeit zu setzen". Günter Rohrbach, Fernsehspielchef des Westdeutschen Rundfunks (WDR), forderte, das Fernsehspiel solle an der Politisierung der Öffentlichkeit teilhaben, das heißt auch an der Politisierung des individuellen Zuschauers.

Mit der Proklamierung des Ziels einer Erziehung des Zuschauers zur (politischen) Kritik ging die Wahl von Fernsehspielstoffen und Schauplätzen einher, die ein Bild der Wirklichkeit vermitteln sollten. Gemeint war damit jener Teil der Wirklichkeit, der nicht genügend ins Bewusstsein gerückt worden sei: Arbeitswelt und die Welt der Arbeitslosen, Arbeitermilieu, Leben im Hinterhof, Armut, Ausbeutung und die Auflehnung dagegen.

Knut Hickethier stellte in seiner "Geschichte des deutschen Fernsehens" (1998) fest: "Die Fernsehmacher sahen das Fernsehspiel als eine moralische Institution, ganz im Sinne der deutschen Theatertradition." Bei dieser Aussage ist das Stichwort "die Fernsehmacher" signifikant. In der Tat war die anschwellende Tendenz, die Zuschauer zu politischer Kritik zu mobilisieren, nicht Gegenstand prinzipieller Bemühungen seitens der ARD-Leitung. Es handelte sich vielmehr um selbstbestimmte Ziele von Programmmachern, in der Umsetzung allerdings abhängig von der Tolerierungsbereitschaft der Vorgesetzten.

Verschärfung der Kritik zu dem Zweck, autoritäre Strukturen rundum zu erschüttern, spielte eine besondere Rolle in Zusammenhang mit dem Stichwort "1968". "Erziehung zum Ungehorsam" war der Titel einer wohlwollenden Dokumentation des NDR über Kinderläden. Dies hätte auch gut die generelle Überschrift sein können für pädagogische Vorstellungen auf Veränderung dringender Journalisten, auch in der ARD. Nicht angesprochen wurde, aber impliziert war die damit verbundene Erziehung zum Gehorsam gegenüber neuen Autoritäten. Die ARD-Autoritäten, die natürlich auch erschüttert werden sollten, reagierten mit Bemühungen um und Vorschriften für eine Ausgewogenheit des Programms und zogen sich dabei den Vorwurf der Verletzung der inneren Rundfunkfreiheit zu.

Es gab nachträgliche Kritik an der Kritik, zum Beispiel mit der Erklärung von WDR-Intendant Klaus von Bismarck, dass die "Aktionen der aufsässigen Jugend" in einzelnen Sendungen durch Darstellung und Interpretation über Gebühr hochgespielt worden seien. Aus meiner Zeit als Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen bleibt mir die Erinnerung an lebhafte ARD-interne Auseinandersetzungen (zum Teil mit kalkulierter Außenwirkung), ausgelöst durch Einzelfälle, aber nicht an eine ARD-einheitliche Erläuterung an die Adresse des Zuschauers über Nutzen und Grenzen von Gesellschaftskritik als Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

 

Orientierungshelfer im demokratischen Prozess

In den Jahren unmittelbar nach 1968 war die ARD konzentriert bemüht, die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für den demokratischen Prozess zu erläutern und hervorzuheben. WDR-Intendant Friedrich-Wilhelm von Sell sah die Gesellschaft als Auftraggeber des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, ja, diesen als deren Eigentum. In einer Art treuhänderischer Funktion sollte der Auftragnehmer für den Auftraggeber "die Wichtigkeit" auswählen und dabei, wenn möglich, repräsentativ sein, freilich auch Begegnungen mit nicht repräsentativen Meinungen ermöglichen. In seiner Rede beim Amtsantritt 1976 forderte von Sell, der Rundfunk möge eine Fragehaltung gegenüber dem Publikum einnehmen (wohl besser: zugunsten des Publikums), und diese Funktion müsse so ausfallen, "dass der Bürger selbst bestmöglich in den Stand gesetzt wird, seine Antworten zu finden". Christian Wallenreiter, Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), hatte 1969 betont, der öffentlich-rechtliche Charakter der ARD-Anstalten "bewirkt und sichert das Lebenselement der Demokratie, die freie Bildung der öffentlichen Meinung – weder vom Kapital der Interessen noch vom Staat gelenkt".

Von Argumenten der vorangegangenen Periode der Kritikpflege unterscheidet sich dieser Ansatz, was das Verhältnis der ARD zum Publikum und ihren Nutzen für dieses angeht, in zweierlei Hinsicht:

  • Es wird nicht nur abgestellt auf das Vermögen, die Fehlbarkeit staatlicher Ordnung zu erkennen, ein Vermögen, das, allein gelassen, sich ja auch mit Schadenfreude und Vergnügen am Skandal begnügen kann, sondern auf das demokratische Funktionieren dieser Ordnung unter den wachsamen Augen der gut informierten, mit eigener Meinung ausgestatteten Bürger.
  • Der Zuschauer als Bürger wird nicht zur Kritik erzogen, vor allem nicht zu einer, bei der der Erzieher vorgibt, was Kritik ist, sondern der Zuschauer soll in die Lage versetzt werden, auf der Basis seiner guten Informiertheit eigene Antworten zu geben auf Fragen, die die Öffentlichkeit bewegen. Der Rundfunk (in diesem Zusammenhang das Fernsehen) ist demnach also nicht Erzieher, sondern Orientierungshelfer im demokratischen Prozess.

Die bis hierher angesprochenen Vorstellungen von "Mehrwert" der ARD-Fernsehprogramme für den Nutzer beziehen sich auf ihn als Bürger, als Mitglied der Gesellschaft, als political being, nicht auf ihn als Menschen mit Interessen und Vorlieben außerhalb von Politik und politisierter Gesellschaft. Auch diese Interessen und Vorlieben freilich muss die ARD als "Rundfunk für alle" berücksichtigen – es sei denn, es sind solche, die für öffentliche Programme nicht taugen.

Es hat in der ARD Versuche gegeben, Bildung und Kultur bei der Bestimmung ihres programmbedingten "Mehrwerts" gesellschaftspolitisch einzuordnen. So bezeichnete Klaus von Bismarck es 1964 in seinem Vortrag über "Fernsehen als Bildungsfaktor" als ein wichtiges Bildungsziel, "die grundsätzliche Abneigung der Deutschen, sich mit öffentlichen Angelegenheiten zu identifizieren", zu überwinden. Zweifellos liege "unser verantwortungsvollster und zugleich heikelster Bildungsauftrag auf dem Gebiet der politischen Information und Dokumentation". Friedrich-Wilhelm von Sell begründete die Kulturangebote der ARD im Verhältnis zum Publikum folgendermaßen: "Kultur ist Standard und Ferment des Sozialen und nicht also der ästhetische Überschuss von Freizeit oder Geldpolitik. Sie signalisiert den Wert der Kommunikation einer demokratisch verfassten Gesellschaft, den Rang ihrer Freiheit und damit ihrer Demokratiewirklichkeit."

Unstreitig gibt es gesellschaftspolitisch höchst bedeutsame Bezüge bei den Themen Bildung oder Mangel an Bildung. Kultur ist häufig Gegenstand der Politik und droht im übermäßigen Sprachgebrauch (von der Streitkultur bis zur Spaßkultur) begrifflich zu zerfließen. Für die Bestimmung des "Mehrwerts" der ARD-Programme für den Zuschauer in den Bereichen Bildung und Kultur ist wichtig, dass sie ihn dafür ausrüsten, im öffentlichen Diskurs über diese Themen informiert mitzureden. Umfassende Information ist demnach die "Mehrwert"-Brücke zu den Bereichen Bildung und Kultur. Dies bedeutet für den Zuschauer, dass die diesbezüglichen Informationen ihm zugangsgerecht angeboten werden müssen. Der in den Dritten Fernsehprogrammen unternommene Versuch, dem Zuschauer die Möglichkeit förmlicher Bildung mit Abschluss zu bieten – zum Beispiel im "Telekolleg" – ist längst aufgegeben.

 

Integrative Wirkung

Das Bundesverfassungsgericht hat dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Integrationswirkung zugeschrieben. Der Rundfunkstaatsvertrag listet in seiner Auftragsdefinition die europäische Integration auf, spricht aber, was die integrative Wirkung der Programme nach innen angeht, vom "gesellschaftlichen Zusammenhang in Bund und Ländern", der gefördert werden solle. Von der Vorstellung, eine integrative Wirkung werde durch Programmempfang im Familien- und Freundeskreis und dadurch erzielt, dass ARD-Programme am nächsten Morgen das allgemeine Tagesgespräch sind, hat sich (nicht nur) die ARD naturgemäß verabschiedet.

In den siebziger Jahren wurde in den prinzipiellen Stellungnahmen der ARD der Integrationsauftrag ins Gesellschaftspolitische gehoben. WDR-Intendant von Sell sprach 1978 dem in den Rundfunkgesetzen enthaltenen Friedensgebot, das im Zentrum des Programmauftrags stehe, eine integrative Funktion zu, mit der konkreten Bedeutung: "Heranführung und Einbindung von Gruppen und Minderheiten, vor allem solchen ohne anerkannte Sprecher in der Öffentlichkeit, an die Gesellschaft, in das Gemeinwesen mit dem Ziel, die Lösung von bestehenden Konflikten zu erleichtern". An programmlichen Bemühungen hierzu hat es in den politischen und kulturellen Sendungen der ARD, ihren Fernsehfilmen, Dokumentationen und Talkshows nicht gefehlt, unter Einbeziehung von Problemen zwischen Deutschen in den alten und den neuen Bundesländern.

Es erscheint sinnvoll, in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass Horst Ehmke, Kanzleramtschef bei Willy Brandt, die Integrationslehre des Staatsrechtlers Rudolf Smend als eine "Theorie des immer neuen Sich-Vertragens" bezeichnet hat. Smend selbst forderte die Orientierung nicht an "Ausnahmezuständen und Totalrevisionen, sondern an der normalen staatlichen Wirklichkeit". Bei der Ausfüllung des Integrationsgebots kann man sich getrost diese Sicht vor Augen halten, auch wenn das journalistische Temperament im Allgemeinen wohl mehr zur Zuspitzung als zur Mediation neigt. Programmliche Integrationsbemühungen können dem einzelnen Zuschauer dienlich sein, indem sie ihn zum Nachdenken und sich daraus ergebenden Handeln ermutigen. Insgesamt sind sie ein Appell an das Bewusstsein und Gewissen der Gesellschaft, durchaus mit pädagogischem Tenor.

Wie die Bundesrepublik Deutschland ist die ARD föderal organisiert. Die der ARD angehörenden Landesrundfunkanstalten sind in ihren Sendegebieten verankert. Die Dritten Fernsehprogramme der ARD-Anstalten sind Horte der regionalen Kultur. Das alles schafft eine besonders intensive Publikumsbindung. Sie gedeiht auf dem Boden der Erkenntnis im Publikum, dass angesichts der alle Lebensbereiche betreffenden Globalisierung das Bedürfnis nach und das Interesse an der Nähe wächst. "Heimat" gilt nicht mehr als reaktionärer Kitschbegriff, sondern signalisiert einen Orientierungsbedarf. Die Dritten Programme der ARD-Anstalten werden dem gerecht, wenn sie nicht nur in herkömmlicher Weise über Land und Leute, regionale Natur und Gebräuche berichten. Sie bieten heimatorientierte Spielhandlungen, Kriminalfilme eingeschlossen, ebenso an wie regional bestimmte Unterhaltung und Satire. Hinzu kommen Übertragungen von wichtigen Kulturereignissen in der Region. Das Ganze verbunden durch einen regen Austausch zwischen den Dritten Programmen.

 

Was das Publikum will

Kritisch wird eingewandt, diese Regionalisierung gehe zu Lasten des Ersten Deutschen Fernsehens, das als Gemeinschaftsleistung großer und kleiner Sender nicht mehr so recht verstanden werden könne und die regionale Erkennbarkeit verliere. Als Antwort wird gern und zu Recht darauf hingewiesen, dass zum Beispiel die seit 1970 ausgestrahlte Krimireihe "Tatort" nicht nur ein Spielort regionaler Handlungsvielfalt sei, sondern – wie auch die "Lindenstraße" (seit 1985) – eine "dominante Bildagentur der deutschen Wirklichkeit" (Knut Hickethier) sei. Allerdings ist dieses Muster nicht unbedingt für andere Formate wiederholbar. Der Pflege von "Heimat"-Aspekten in den ARD-Fernsehprogrammen fehlt jedenfalls ein erzieherischer Impetus. Sie kommt einem Bedürfnis des Publikums entgegen und akzentuiert zugleich eine besondere, aus der Natur der aus Landesrundfunkanstalten bestehenden ARD sich ergebende "Verortung" und Bindung in ihren Sendegebieten.

Wenn die ARD wegen ihres Publikums und für ihr Publikum da ist – wie weit geht sie auf dessen Wünsche ein? Wie ermittelt sie sie? Wie weit darf sie im Namen ihres gesetzlichen Auftrags keine Rücksicht auf Publikumswünsche nehmen? Wie weit kann die Rücksicht auf Akzeptanzgründe gehen? Ein weites und intensiv beackertes Feld. Es gibt eine Reihe von proklamierten guten ARD-Grundsätzen für den Umgang mit dem Publikum:

  • "Das Publikum ist kein Festangestellter der ARD" (Hans Abich während seiner Zeit als ARD-Programmdirektor, 1973 bis 1978).
  • "Programm bedeutet immer auch auszuprobieren, was der Zuschauer, das unbekannte Wesen, schätzt" (Peter Boudgoust 2007).
  • "Wir haben erkannt, dass wir unseren Zuschauern dahin folgen müssen, wo sie uns hören oder sehen wollen" (Peter Boudgoust 2007; gemeint ist das Folgen ins Internet).
  • "Es ist mehr gefordert, als nur herauszufinden, was die Menschen über Rundfunk konkret hören und sehen wollen. Entscheidend ist aber die Aufspürung der von den Beziehungen zum Rundfunk unabhängigen Meinungs- und Fragekonstellationen in der Gesellschaft, schlicht das, was die Menschen im weitesten Sinne des Wortes bewegt" (Friedrich-Wilhelm von Sell 1976).
  • "Wir müssen nicht ganz nach vorn stoßen oder populistisch werden. Wir müssen aber mit Blick auf die Zielgruppe gucken, ob wir jeweils unsere Zuschauer erreichen oder nicht" (Peter Voß 2001).
  • Erforderlich sei "die Überwindung von Distanzen des Rundfunkbereichs zur Umwelt". Es bestehe "eine gewisse Isolation des Rundfunks in der Bundesrepublik, befördert zumal durch eine partiell berufstypische Neigung seiner Mitarbeiter" (Friedrich-Wilhelm von Sell 1976).

Ein Beobachter von außen merkte dazu an:

  • "Die Ansprüche, nach denen die Sender sich richten, sind nichts anderes als die Ansprüche der Leute vom Sender" (Jurek Becker 1995).

Ein häufiger Vorwurf in der Öffentlichkeit gegen die ARD ist der, sie passe sich an ein vermeintlich absolut vorrangiges Unterhaltungsbedürfnis des Publikums an, das doch die privaten Veranstalter mit Erfolg zu befriedigen versuchen. Die Sündenliste ist bekannt und in der schier endlosen Geschichte der Debatte über Qualität und Quote ausführlichst erörtert worden. Zu erinnern ist an einige weniger oft erörterte Gesichtspunkte:

  • In den kritikfreudigsten Jahren des ARD-Fernsehens galt Unterhaltung, zumindest bei den Redaktionen strenger Observanz, als nicht eigentlich öffentlich-rechtlich. Wenn schon Unterhaltung, dann wenigstens gesellschaftskritisch.
  • Die Abkehr von der führenden Rolle aufklärerisch-pädagogischer Ansätze, vom erhobenen Zeigefinger und von Stoffen, die die Welt der Armen und Unterdrückten als den wichtigsten Teil der deutschen Wirklichkeit darstellten, geschah sicher auch auf Drängen von Vorgesetzten, aber durchaus ebenfalls in der Erkenntnis der Macher, dass diese Ansätze dem Publikum nicht mehr genügend vermittelbar waren. Der Wettbewerb mit dem "Unterhaltungsdampfer" ZDF begann schließlich eine Rolle zu spielen.
  • Das zum 1. Januar 1978 eingeführte Programmschema des ARD-Fernsehgemeinschaftsprogramms sah, lange bevor an privates Fernsehen konkret zu denken war, an jedem Abend außer donnerstags unmittelbar nach der "Tagesschau" den Einstieg mit einem unterhaltsamen Programmangebot vor, weil der von der Arbeit zurückkehrende Zuschauer nicht gleich zu Beginn des Abendprogramms mit dem Elend der Welt konfrontiert werden sollte. Hans Abich, mein Vorgänger als ARD-Programmdirektor, in dessen Amtszeit diese Schemaänderung fiel, meinte später, man sei damit vielleicht zu weit gegangen.

Die partielle Anpassung im ARD-Fernsehen an Zuschauervorlieben für von den Privaten eingeführte Formate und Stoffe war für einige derjenigen, die die Richtlinien der ARD-Programmpolitik zu bestimmen hatten, mitunter ein Ärgernis. Für andere unter ihnen war sie Anlass zur Genugtuung darüber, dass die ARD mit dem Ersten Deutschen Fernsehen Platz 1 in der jährlichen Quotenbilanz, den sie bis 1991 innegehabt hatte, 1998 zum ersten Mal wieder zurückgewann und ab 2004 weitgehend halten konnte. Darüber freute sich auch, wer sich über Teile des Weges dahin geärgert hatte.

Die Vertreter beider Neigungen betonten weiterhin übereinstimmend die Unverwechselbarkeit des ARD-Programms und zugleich die Notwendigkeit, dass ein "Rundfunk für alle" auch populäre Unterhaltung bieten müsse. Wie vorher in anderen Zusammenhängen spielte auch hier der Erfolgsehrgeiz im ARD-Apparat eine Rolle. Nachträglich waren in der ARD einige schärfere Töne der Kritik zu hören. So tadelte Friedrich-Wilhelm von Sell im Jahr 2000 die "Tendenz einer leichtfertigen und unnötigen Orientierung des Programms zu den Erfolgen des Marktes" und die "damit einhergehende Vernachlässigung des klassischen Programmauftrags".

Wer zu weit gehendes Anpassungsfernsehen als Dienstleistung für das Publikum und für den individuellen Zuschauer verstanden wissen wollte, musste daran erinnert werden, dass das Bundesverfassungsgericht die Rundfunkfreiheit als "dienende Freiheit" gewiss nicht so verstanden wissen wollte. Heute braucht der ARD niemand mehr zu sagen, dass der klassische Rundfunkauftrag, wie ihn der Rundfunkstaatsvertrag definiert hat, mit einem klar qualitätsbestimmten Angebotsprofil ihr unverkennbares Markenzeichen ist, das keine nach Popularität haschenden Abstriche zulässt. Ein Verlangen aus dem Publikum nach dem Vorrang vertrauter Formate darf nicht den Versuch behindern, immer wieder Neugier und Interesse für die Umsetzung neuer Programmideen zu wecken. Damit begibt man sich auf ein Gebiet von trial and error. Meidet ein Medienunternehmen dieses Gebiet, so verkalkt es.

1995 frohlockte die Fernsehkritikerin Barbara Sichtermann: "Das erzieherische öffentlich-rechtliche Fernsehen ist verschwunden." Das sei den privaten Veranstaltern zu verdanken. Doch Jurek Becker, Gegner von Sendern als Erziehungsanstalten, meinte im selben Jahr, gegen eine Art von erzieherischem Element in der Programmgestaltung sei nichts einzuwenden, wenn es der behutsamen Hebung des Publikumsgeschmacks diene.

Das Stichwort für das künftige Verhältnis der ARD zu ihrem Publikum und zu dessen Wohle wird Orientierung sein. In der verwirrenden Fülle der globalisierten Internet-Welt wird der Ruf nach Orientierung in der Flut, nach Wissensvermittlung und nach gutem Rat lauter werden. Nur von dem wird man Orientierungshilfe annehmen, der Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Genauigkeit bietet. Hier kann die ARD mit Jahrzehnten anerkannter Erfahrung und mit einer inzwischen selbstverständlichen Flexibilität hin zu wahrnehmungsfreundlicher Umsetzung aufwarten. Mit dem Bedürfnis an Orientierung in der globalisierten Welt wird der Wunsch nach einem festen Halt in dieser Welt einhergehen, nach Zuhause-Sein im vertrauten unmittelbaren Umfeld, in der "Heimat". Auch diesen Wunsch kann die ARD am besten erfüllen, dank ihrer eigenen Verortung eben dort und ihrer Fähigkeit von Pflege der regionalen Nähe.

 

Die Qualität des Orientierungsgebers

Der Erziehungsfaktor wird in den ARD-Programmen dann verschwinden (es sei denn, man sieht Erziehung schon darin, dass man noch etwas lernen kann). Ein Treuhandverhältnis bleibt, ein Vertrauensverhältnis im Sinne des Sich-Verlassen-Könnens auf die Qualität des Orientierungsgebers. Dass dieses Verhältnis intensive Pflege über das Anbieten hinaus erfordert, versteht sich von selbst.

Anlässlich des 50. Jahrestages der ARD-Gründung hat ein früherer Intendant eine "konsequente Public-Service-Philosophie" gefordert, die den Verzicht auf Werbung beinhalten, sich aber nicht darauf beschränken sollte. Die BBC, an die hier offenbar wieder einmal als Vorbild gedacht wurde, hat in Form von guidelines ihre values and standards veröffentlicht. Das sind im Wesentlichen journalistische Verhaltensregeln, wie sie auch außerhalb der BBC gelten, zum Beispiel bei der ARD.

Eine die praktische journalistische Ethik überwölbende Philosophie aufzuschreiben und verbindlich zu machen, wäre wohl zu viel des Guten. Man muss nur konsequent auf die Einhaltung der geltenden Regeln achten. Eine ans Philosophische grenzende Wertung hat vor kurzem Professor Paul Kirchhof in seinem von der ARD in Auftrag gegebenen Gutachten über die Ersetzung der Rundfunkgebühr durch einen Rundfunkbeitrag eingebracht, indem er schreibt: "An dem Vorzug eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems für die Kultur, die Demokratie, die Urteilskraft und die Erwerbsbedingungen in einem Gemeinwesen hat jeder Inländer teil, mag er auch das Angebot individuell nicht nutzen oder nicht nutzen können. Er ist durch die medienbedingte oder mediengestützte Informationskultur mit begünstigt." Das wäre wohl der am weitesten reichende "Mehrwert".

 

(abgedruckt auch in: Funkkorrespondenz 41, 2010)

 

 

 

LETZTE ÄNDERUNG: 23.11.2010
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