»Polizeiruf 110 – Der Kreuzworträtselfall« | Bildquelle: DRA/Wolfram Zeuch (Bild-ID 1373396)

Der Kreuzworträtselfall

Aufklärungserfolg durch akribische Ermittlungsarbeit

Im Januar 1981 verschwand ein siebenjähriger Junge in Halle-Neustadt. Da ein Verbrechen nicht ausgeschlossen war, startete die Volkspolizei eine Suchaktion. Das Verschwinden von Kindern und Jugendlichen wurde in der DDR mit großem Ernst verfolgt. Zwei Wochen später fanden die Ermittler die in Plastik verpackte Leiche des Jungen in einem Koffer nahe einer Bahnstrecke. Der Junge war vor seinem Tod misshandelt und sexuell missbraucht worden.

In einer beispiellosen Sammel- und Auswertungsaktion suchten die Ermittler nach einem identischen Schriftbild in der Bevölkerung.

Außer der Leiche befanden sich im Koffer mehrere alte Zeitungen mit ausgefüllten Kreuzworträtseln. Da sich alle anderen Spuren als unbrauchbar erwiesen, nahmen die verantwortlichen Ermittler die Spur der Schrift in den Kreuzworträtseln auf: Anhand ihrer Merkmale sollte es möglich sein, den Urheber der Schrift zu identifizieren.

In einer beispiellosen Sammel- und Auswertungsaktion suchten die Ermittler nach einem identischen Schriftbild in der Bevölkerung: Schriftproben wurden systematisch eingeholt, Altpapiersammlungen organisiert und Tonnen des Papiers gesichtet, Kader- und Meldestellenakten ausgewertet und schließlich sogar ein Preisausschreiben initiiert. Nach neun Monaten akribischer Ermittlungsarbeit und einer Auswertung von über 550.000 Schriftproben konnte die entscheidende Schriftprobe schließlich identifiziert werden.

Haupterzählstrang und zentrales Spannungselement sind die Ermittlungsarbeiten selbst: In keinem Polizeiruf zuvor wurde beides in einer ähnlichen Akribie dargestellt.

Die Darstellung der Ermittlungsarbeiten

In seiner 123. Folge griff die Kriminalreihe »Polizeiruf 110« den spektakulären Fall auf. Regie führte Thomas Jacob. Verfasserin des Drehbuchs war Gabriele Gabriel. Der Handlungsort wurde nach Berlin-Marzahn verlegt. Die Hauptrollen der beiden Ermittler spielten Günter Naumann (Hauptmann Günter Beck) und Andreas Schmidt-Schaller (Leutnant Thomas Grawe). Der Fernsehfilm macht von Beginn an kein Geheimnis aus der Identität des Mörders und seiner Motive. Auch dank der effektvollen Musik von Arnold Fritzsch nimmt das dem Film aber in keiner Weise die Spannung. Zudem wird mehrmals angedeutet, dass der triebhaft handelnde Täter wieder zuschlagen könnte.

Haupterzählstrang und zentrales Spannungselement sind die Ermittlungsarbeiten selbst: In keinem Polizeiruf zuvor wurde beides in einer ähnlichen Akribie dargestellt. Durch den Umfang der Ermittlungen mussten unterschiedliche Ermittler- und Auswertungsteams eingebunden und  koordiniert werden. Spannend ist vor allem die Frage nach dem Durchhaltevermögen der Ermittler: Sie suchen die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen! Dabei kommen sie – körperlich wie psychisch – an ihre Grenzen. Werden sie das Schriftstück finden? Was, wenn sie die entscheidende Schriftprobe übersehen haben? Wann ist nach derartigen Investitionen der Zeitpunkt der Aufgabe gekommen? Was, wenn ein weiteres Opfer gefunden wird?

»Polizeiruf 110 – Der Kreuzworträtselfall«, Erstsendung: 06.11.1988 (IDNR 027999)

Die Polizeiruf-Reihe und ihr Umgang mit pädophil motivierten Kriminalfällen

Verbrechen mit pädophilem Hintergrund sind immer ein hochsensibles Thema – in der DDR hatte dies einen besonderen Aspekt: Da sie mit triebhaftem Verhalten in Verbindung standen, konnten sie nicht sozial motiviert sein. Psychologische Motivierung sah die Ideologie des Sozialismus aber nicht vor, da sie nicht auf historisch-gesellschaftliche Gründe zurückgeführt werden konnte.

Trotzdem war »Der Kreuzworträtselfall« nicht der erste Polizeiruf, der einen solchen Fall aufgriff. Erstmals wurde in der 7. Polizeiruf-Folge »Blutgruppe AB« und der 9. Folge »Minuten zu spät« das Problem sexuellen Missbrauchs eines Kindes dargestellt. Das schwierige Thema wurde also weniger tabuisiert als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Im Gegenteil: Diese Fälle wurden mit großer Ernsthaftigkeit inszeniert.

Die Erzählung der Ermordung eines Kindes war in diesem Zusammenhang jedoch lange nicht möglich. Erst mit dem »Kreuzworträtselfall« und dem politischen Klima Ende der 1980er Jahre wurde auch dieses Motiv erzählbar – wenn auch nicht in den Bildern selbst. Auch die Offenheit, mit der das Triebverhalten thematisiert wird, ist in vorherigen Polizeirufen nicht anzutreffen.

Anna Pfitzenmaier

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