Sprecherin Annerose Neumann | Bildquelle: DRA/Waltraut Denger (1473296)

Die »Aktuelle Kamera«

Nachrichten durch die rote Brille

Die »Aktuelle Kamera« (»AK«) war die Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens. Kurz vor Weihnachten 1952 ging sie auf Sendung. Sie ist damit die älteste Sendereihe des Deutschen Fernsehfunks bzw. Fernsehens der DDR, und sie blieb bis zur letzten Ausgabe im Dezember 1990 eine feste Größe in der DDR-Medienlandschaft. 

Zeitgleich mit dem damals neuen Medium Fernsehen startete die »AK« in den 1950er Jahren mit einer Testphase. Im Laufe ihres fast 40-jährigen Bestehens wurde sie mehrfach modifiziert. Zunächst wurden Nachrichten durch einen Sprecherin bzw. einen Sprecher im Studio verlesen. Dabei konnten Infografiken und Fotos eingeblendet werden. Später waren filmische Beiträge die Regel. Ab 1960 wurde die »AK« täglich in mehreren Ausgaben im Ersten Programm ausgestrahlt, wobei die Hauptausgabe am Folgetag wiederholt wurde. Der erste Nachrichtensprecher im DDR Fernsehen und deutschen Fernsehen überhaupt war Herbert Köfer. Am Internationalen Frauentag 1963 verlass Annerose Neumann als erste Frau die Nachrichten. In Sachen Gleichstellung der Frau war die »AK« westdeutschen Nachrichtensendungen voraus. Eine sehr bekannte Sprecherin war zudem Angelika Unterlauf.

Aus der DDR und der Welt

Das DDR-Fernsehen verfügte über Korrespondentinnen und Korrespondenten in allen Bezirkshauptstädten. Hinzu kamen diverse weitere im Ausland. Dem Genre der »AK« entsprechend lag der inhaltliche Fokus auf aktuellen Ereignissen, Tagespolitik, zuweilen Sport und Wetter. DDR-Themen dominierten dabei stark. So wurden beispielsweise Parteitage oder Staatsempfänge ausführlich behandelt. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Wirtschaftsthemen, wie zum Beispiel immer wiederkehrenden Berichten zur Planerfüllung einzelner Volkseigener Betriebe. Grundsätzlich stellte sich die DDR in der »AK« als sozialistische Erfolgsgeschichte dar. Der Blick ins Ausland richtete sich auf die anderen Staaten des Warschauer Vertrages oder aber auf die Bundesrepublik. Westdeutschland und andere Natostaaten dienten in der Regel als Negativbeispiele, während vor allem die Sowjetunion als Vorbild dargestellt wurde.

Sprecher Klaus Feldmann verliest die Nachrichten der »Aktuelle Kamera«-Ausgabe vom 19.12.1965 (IDNR 390677)

Staatsmedium im Kalten Krieg

Vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs mag diese thematische Ausrichtung kaum überraschen. Um Neutralität war die »AK« auch gar nicht bemüht. Vielmehr sollten Nachrichten frei nach Lenins »Agitation durch Tatsachen« expliziten politischen Anspruch besitzen. Dabei ist zu beachten, dass die »AK« nie ein unabhängiges Medium war. Sie stand sehr direkt unter staatlichem Einfluss. Inhalte wurden mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) direkt abgestimmt. Die Partei machte Vorgaben und mischte sich in die Redaktionsarbeit ein. So gab die Agitationsabteilung des SED-Zentralkomitees der Redaktion telefonisch Anweisungen oder ließ sich gleich den Ablaufplan vorlegen. Eine staats- oder parteikritische Berichterstattung war damit ausgeschlossen. Der kritische Blick richtete sich ausschließlich auf den kapitalistischen Westen.

Ende der Abhängigkeit

Dieser Zustand änderte sich erst kurz vor dem Mauerfall 1989. Zuvor hatte die »AK« Proteste ebenso verschwiegen wie die Missstände, die dafür Auslöser waren. Nun jedoch sagte sich auch die »AK« von der SED los. Verantwortliche des DDR-Fernsehens entschuldigten sich bei den Zuschauerinnen und Zuschauern für den Missbrauch des Mediums. In der Konsequenz hielt eine offenere, kritischere und vor allem unabhängigere Berichterstattung in die »AK« Einzug, die nun unter dem Namen »AK-Zwo« weitergeführt wurde. Tatsächlich verbesserte sich die Sehbeteiligung damit deutlich. Offenbar konnten DDR-Bürgerinnen und -Bürger die bisherige Berichterstattung kaum mit ihrer Lebensrealität in Einklang bringen. Mit dem Umbau des Deutschen Fernsehfunks 1990 wurde die »AK« knapp ein Jahr vor dem Ende des gesamten DDR-Fernsehen eingestellt.

Überlieferung im DRA

Im Deutschen Rundfunkarchiv ist heute eine große Anzahl an »AK«-Beiträgen und viele Gesamtsendungen erhalten. Die ältesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1955. Das Material ist auf verschiede Wege in das DRA gekommen. Des Weiteren sind Laufpläne und Nachrichtentexte überliefert. Diese lassen Rückschlüsse auf nicht mehr vorhandene Sendungen zu und bieten Kontext zur Entstehung der Beiträge. Das DRA macht die »AK«-Beiträge schrittweise in der ARD-Mediathek zugänglich.

Jens Kleinschneider

Kurzinfo

Sendereihe: »Aktuelle Kamera«
Genre: Nachrichtensendung
Laufzeit: 21. Dezember 1952 bis 13. Dezember 1990
Sendezeit (ab 1960): Hauptausgabe täglich 19:30 Uhr
Länge: sechs bis 20 Minuten, ab 1960: 30 Minuten
Chefredakteure: Günter Nerlich (1954–1956), Heinz Grote (1956–1964), Hubert Kröning (1964–1966), Erich Selbmann (1966–1978), Ulrich Meier (1978–1984), Klaus Schickhelm (1984–1990), Manfred Pohl (1990–1991)

Online-Tipps

  • Die »Aktuelle Kamera« in der ARD Mediathek unter »Retro Spezial DDR« mehr
  • »Retro«-Gesamtangebot in der ARD Mediathek mehr
  • MDR-Zeitreise: »Aktuelle Kamera« – Das Sprachrohr der SED mehr
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Die »Aktuelle Kamera« im DDR-Fernsehen mehr
  • Bundeszentrale für politische Bildung: DDR-Nachrichtenjournalismus am Beispiel »Aktuelle Kamera« (PDF) mehr
  • DRA-Datenbank: »Die Zuschauerforschung des DDR-Fernsehens« mehr

 

Literatur-Tipps

  • Bösenberg, Jost-Arend: Die Aktuelle Kamera (1952-1990). Lenkungsmechanismen im Fernsehen der DDR (2004) mehr
  • Fischer, Jörg-Uwe: Die Aktuelle Kamera. Die Sendegrafiken der Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens. In: info7 14/1 (1999), S. 30-32