Kl. Fiedensfahrt mit E. Knolle, 16.04.1959 | Bildquelle: DRA/Günter Vent

Sport im Fernsehfunk

In der DDR hatte der Sport eine gesellschaftspolitische Position inne. Sport wurde für politische Zwecke instrumentalisiert und staatlich gefördert. Wertschätzung erfuhr er nicht nur von Partei und Staat, sondern auch seitens des Gewerkschaftsbundes, der FDJ und dem Deutschen Turn- und Sportbund im Zusammenwirken mit Schulen, Hochschulen, Betrieben sowie regionalen Organen.

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Dem DDR-Fernsehen kam eine bedeutsame Rolle zur nachhaltigen Popularisierung und Weiterentwicklung des Sports zu. Ab Mitte der 1950er Jahre gab es im Programm etliche Sendungen über sportliche Ereignisse in der DDR, den befreundeten sozialistischen Ländern sowie aus aller Welt. In Standardsendungen wie »Sportarena«, »Sportreporter«, »Sport-Meridiane« oder der Sportvorschau »Wer – Wann – Wo« wurde ausführlich über das aktuelle Geschehen berichtet, von der DDR-Fußball-Oberliga, von Meisterschaften und internationalen Leistungsvergleichen aller Art. Zusammenfassende Betrachtungen und Kommentare ergänzten die aktuelle Berichterstattung.

Der Anteil des Sport an der Gesamtsendezeit des DDR-Fernsehen entwickelte sich innerhalb von zehn Jahren von 23 Stunden 1955 zu 463 Stunden im Jahr 1965, wobei diese Angaben aus dem Statistischen Jahrbuch der DDR die Beiträge über Sport in Kinder- und Jugendsendungen nicht berücksichtigen. Sowohl hinsichtlich des Umfangs als auch der Sendezeit »schielten« die Programmverantwortlichen stets auch auf die Sportinteressierten in West-Berlin und dem »Zonenrandgebiet«. Das Angebot sollte diese Klientel zum Umschalten auf das DDR-Programm veranlassen. Die Sendezeiten waren auch auf den Lebensrhythmus der Sportinteressierten im eigenen Land zugeschnitten. Angesichts der Attraktivität des Sportangebots sollten die DDR-Zuschauer auf den Konsum des Westfernsehens verzichten. Die Sportsendungen des DDR-Fernsehens fanden bei einem Großteil der Fernsehzuschauer ein reges Echo und Zustimmung. Bei einer Umfrage im September 1965 äußerten lediglich 12,5 Prozent der Fernseh-Teilnehmer kein Interesse an Sportsendungen.

Reichlich Kritik seitens der Zuschauer gab es dennoch. Dazu einige Auszüge aus Zuschauerzuschriften, abgedruckt in den Heften 3 (August 1964) und 8 (Mai 1965) der fernsehinternen Zeitschrift »Der Fernsehzuschauer. Briefe. Befragungen. Beschwerden«:

»Wir verzichteten bei herrlichem Wetter auf Freibad, Stube saß voller Fußballbegeisterter – aber die Sendezeit wurde nicht eingehalten, - das ist ein unmöglicher Zustand.«

»Fangt doch sonntags um 18.00 Uhr oder 19.00 Uhr an, Sendezeit ist sonst viel zu kurz. Bringt die naturwiss. Sendungen, die sich sonntags ohnehin niemand ansieht, an einem anderen Tag.«

»Drei Forderungen an Reporter: 1. deutsche Sprache beherrschen, 2. Länderkämpfe sachlich kommentieren, 3. mit jeweiliger Sportart gründlich vertraut sein.«

Und wenn bei Wettkämpfen mit westdeutscher Beteiligung seitens des Reportes das Fairplay verletzt wurde, reagierten Zuschauer durchaus mit Kritik: »Am gestrigen Nachmittag sah ich mir die Europameisterschaften im Boxen an. Dabei ist mit unangenehm aufgefallen, daß bei der Siegerehrung des westd. Freistadt beim Spielen der Nationalhymne der Bundesrepublik der Fs. Reporter immerfort zwischengesprochen hat und außerdem der Ton stark abgedreht wurde. Ich bin der Meinung, alle Sportler waren Gäste in der DDR, und es war eine Ungezogenheit, während der Hymne dazwischenzureden.« Die Zuschauerzuschriften sind leider nicht mehr im Original überliefert. Lediglich Auszüge daraus sind in »Der Fernsehzuschauer« dokumentiert.

Hoch im Kurs bei den Zuschauern, das belegen die Zuschriften, stand – neben Skisport, Fußball, Eiskunstlauf und Boxen – die Friedensfahrt, auch als »Tour de France des Ostens« bekannt. Das erste Amateurradrennen fand bereits 1948 statt und ging bis 1951 durch Polen und die Tschechoslowakische Republik, ab 1952 kam die DDR hinzu. Die Radfernfahrt Warschau – Berlin – Prag entwickelte sich zum Großereignis im europäischen Radsport und populärsten Radsportereignis des Jahres. War es anfangs jedem Land freigestellt, mehrere Mannschaften zu nominieren, so war ab Mitte der 1950er Jahre die Anzahl der Equipen auf eine beschränkt. Eine westdeutsche Mannschaft nahm erstmals 1956 an der Friedensfahrt teil.

Trotz der zahlreichen Übertragungen im DDR-Fernsehen unterstellen Fernsehteilnehmer den Programmverantwortlichen eine mangelnde Friedensfahrtsympathie. An der Berichterstattung kritisiert wurde zu viel Bildmaterial von der Zielankunft der Radsportler und zu wenig Übertragung von der Strecke selbst. »Ich war heute«, so ein Zuschauer während der XVIII. Friedensfahrt 1965, »sehr enttäuscht, daß die Zielankunft der Etappe nach Otrokorice nicht übertragen wurde. Stattdessen zeigt man uns bei einer so sportlichen Veranstaltung eine Wiederholung von ›Robin Hood‹. Ist das nicht ein bißchen viel verlangt?«

Bezogen auf das Sportangebot im DDR-Fernsehen bleibt festzuhalten, dass in den 1950/60er Jahren die überwiegende Mehrzahl der Fernsehteilnehmer ständige bzw. gelegentliche Seher von Sportsendungen waren. Nur ein geringer Fernsehteilnehmerkreis störte sich daran, wenn Sportsendungen, v.a. an Wochenenden ausgestrahlt wurden. Neben der Sportbegeisterung hatten zudem zwei Faktoren Auswirkungen auf die Sehbeteiligung: das Wetter und die Tatsache arbeitsfrei oder nichtarbeitsfrei.

Jörg-Uwe Fischer

Online-Tipp

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Literatur-Tipps

  • Jasper A. Friedrich, Politische Instrumentalisierung von Sport in den Massenmedien. Eine strukturationstheoretische Analyse der Sportberichterstattung im DDR-Fernsehen, Köln 2010
  • Lutz Warnicke, Nadine Baethke, Juliane Wagnitz, Der Breitensport im DDR-Fernsehen. Seine prinzipielle Berücksichtigung in der Sportberichterstattung und die Leipziger Turn- und Sportfeste als Fernsehhöhepunkte der Breitensportbewegung, Leipzig 2010
  • Heinz Florian Oertel, Mit dem DDR-Reportermikrofon beim Sportgeschehen dabei, in: Rundfunkjournalistik in Theorie und Praxis, 19. Jg., H. 2, Berlin 1983