Sigmund Jähn und Valeri Bykowski neben der Raumkapsel Sojus 29 am 3. September 1978 | Bildquelle: picture alliance/dpa/Tass/Psuhkaryov

Sigmund Jähn

Der erste Deutsche im All

Am 26. August 1978 startete die sowjetische Sojus 31 um 14.51 Uhr (UTC) im kasachischen Kosmodrom Baikonur ihre Reise zur Raumstation Saljut 6. An Bord befand sich neben dem russischen Kommandanten Waleri Bykowski der damals 41-jährige NVA-Offizier Sigmund Jähn – der erste deutsche Raumfahrer. Dass die DDR noch vor der Bundesrepublik einen Menschen in den Weltraum katapultierte, war für die Staatsführung ein beispielloser Erfolg, der auch medial zelebriert und inszeniert wurde. Für alle Zweifler erhielt die Schlagzeile vom »ersten Deutschen im All« in der DDR-Presse stets den Zusatz »Ein Bürger der DDR« – sicher ist sicher.

Zwei Tage nach dem Start konnte das Raumschiff an der sowjetischen Raumstation angekoppelt werden. In den folgenden Tagen führte die Besatzung zahlreiche wissenschaftliche Experimente durch, unter anderem in den Bereichen Material- und Atmosphärenforschung, Medizin, Biologie und Erderkundung.

Im Gepäck hatte die Besatzung der Sojus 31 eine überarbeitete Version der 1976 erstmals eingesetzten Multispektralkamera MKF-6 des Kombinats VEB Carl Zeiss Jena für Messungen und Aufnahmen in bisher nicht dagewesener Qualität. Die Kamera bewährte sich über viele Jahre für die Erdfernerkundung und wurde später in einer weiter modifizierten Form auf der sowjetischen Raumstation MIR eingesetzt.

Sigmund Jähn beschreibt die Ausstattung der Sojus 31. Enthalten in: »Kosmos-Studio«, Beitrag »Gemeinsam im Training - gemeinsam im All«, Erstsendung: 26.08.1978 (IDNR 068448)

Neben Forschungszwecken war die Mission zweifellos politisch motiviert. Im selben Jahr bereisten schon die (Inter-)Kosmonauten Vladimir Remek (Tschechoslowakei) und Miroslaw Hermaszewski (Polen) die Saljut 6. Damit stammen die ersten drei Raumfahrer, die nicht aus den USA oder der Sowjetunion kamen, aus Staaten des Warschauer Paktes (»Ostblocks«).

Ausgangspunkt war das sowjetische Programm »Interkosmos«, dessen Ziel die Einbindung nicht-sowjetischer, sozialistischer Staaten in die Raumfahrt war.

Neben den Starts übertrugen die jeweiligen Rundfunkanstalten auch Grußworte an die Heimatbevölkerung und Gespräche mit den jeweiligen Staatschefs. Im DDR-Fernsehen wurde dafür eigens das Format »Kosmos-Studio« entwickelt. Den Auftakt machte die vom DEFA-Studio für Dokumentarfilme und dem Filmstudio der Nationalen Volksarmee produzierte Dokumentation »Unser Fliegerkosmonaut«. Die Dokumentation schildert das Training der Kosmonauten im Ausbildungszentrum. Sie zeigt Sigmund Jähn unter anderem in einer Zentrifuge bei Belastungstests sowie bei Ausstiegsübungen der Landekapsel im Wasser. Zahlreiche Beiträge rund um die Mission sowie um die Person Jähn folgten – darunter ein Gespräch mit dem Vater Paul Jähn am heimischen Kaffeetisch, Berichte über Jähns Heimatdorf Morgenröthe-Rautenkranz, in dem Volksfest-Stimmung herrschte, oder Erläuterungen von Experimenten der Materialwissenschaft an Bord der Raumstation.

Folgenschwer für den gebürtigen Vogtländer blieb die Landung mit der Sojus 29 (die Sojus 31 brachte später die Stammbesatzung der Saljut 6 zur Erde) in der kasachischen Steppe. Durch mehrere Überschläge erlitt Jähn einen dauerhaften Wirbelsäulenschaden. Im Interview mit Erich Selbmann unmittelbar nach der Landung ließ der Pilot sich davon jedoch nichts anmerken.

Landung der Raumkapsel Sojus 29 am 3. September 1978 bei Dscheskasgan mit Statement von Sigmund Jähn unmittelbar nach der Landung. Enthalten in: »Aktuelle Kamera«, Beitrag »Reportage von der Landung«, Erstsendung: 03.09.1978 (IDNR 553714)

Bis zum Ende der DDR blieb Jähn der einzige Kosmonaut des sogenannten Arbeiter- und Bauernstaates. Fünf Jahre nach seinem Weltraumflug folgte ihm der bundesdeutsche Physiker und ebenfalls aus dem Vogtland stammende Ulf Merbold als erster Nicht-US-Amerikaner einer NASA-Mission.

Nach der deutschen Wiedervereinigung arbeitete Jähn als Berater für die European Space Agency (ESA). Am 21. September 2019 starb er im Alter von 82 Jahren.

Vincent Kutz

Tipps aus unseren Fernsehbeständen

  • Gemeinsam im Training – gemeinsam im All. Dokumentarbericht des Korrespondenten Wolfgang Mertin über das Kosmonautentraining von Waleri Bykowski und Sigmund Jähn zur Vorbereitung auf den Weltraumflug mit dem Raumschiff Sojus 31 aus der Sendereihe Kosmos-Studio. 26.08.1978 (IDNR 068448) 24'06''

  • Unser Fliegerkosmonaut. Begleitung von Jähn im Trainingszentrum im Sternenstädtchen bei Moskau im Rahmen der Sendereihe Kosmos-Studio. 26.08.1978 (IDNR 085831) 35'05''

  • Reportage von der Landung. Bericht der Aktuellen Kamera über die Landung von Waleri Bykowski und Sigmund Jähn mit der Raumkapsel Sojus 29 am 3. September 1978 in der kasachischen Steppe bei Dscheskasgan. 03.09.1978 (IDNR 553714) 7'48''

 

»Sigmund Jähn – Einer von uns!« MDR

Biografie von Sigmund Jähn ESA